Chef der britischen HMV Group
Alan Giles: Bodenständiger Buchverkäufer

Der Börsengang der Musik- und Buchhandelskette vor einem Monat geriet zum Flop. Mit seiner lockeren Art versucht Giles, zumindest die Anleger bei Laune zu halten.

LONDON. An diesem Morgen ist Alan Giles endlich mal wieder in Siegerlaune. So richtig befreiend war das 0:0 der englischen Fußballnationalmannschaft gegen Nigeria zwar nicht, doch die nächste Runde bei der WM ist erreicht. Jetzt jubelt die Nation und auch der Manager aus Dorchester. Denn Giles, 48, ist nicht nur Chef der bekannten und weltweit vertretenen britischen Musik- und Buchhandelskette HMV Group - sondern eben auch Fußballfan.

Momentan tut so ein Erfolgserlebnis besonders gut. Denn in den vergangenen Wochen hat der HMV-Chef nicht gerade zu den Gewinnern in London gehört. Sein Entertainment-Konzern, mit mehr als 500 großen Läden in Europa (darunter auch in Deutschland), Asien und in den USA vertreten, ist in der City nicht wohl gelitten. Der Börsengang der HMV-Gruppe im Mai geriet zum Flop. Der Kurs sackte sofort ab und dümpelt noch immer rund 15 Prozent unter Ausgabepreis.

Noch halten die Investoren still

Alan Giles weist jegliche Kritik von sich und sucht die Ursache für das Desaster woanders. "An der Börse herrschen momentan einfach schwierige Zeiten", versucht der locker auftretende Manager die Anleger zu beruhigen. Der Mann, der sein Hemd meist leger offen unter dem Blazer trägt, hat in den vergangenen Monaten bei den Bankern in der City um Vertrauen geworben - ausnahmsweise in Schlips und Kragen. Die Ochsentour hat sich bezahlt gemacht: Noch halten die Investoren still. Und gestern gab es sogar Rückenwind vom Brokerhaus Seymour Pierce, dass eine Kaufempfehlung für die HMV-Aktie abgab. "Wir glauben, dass der momentane Aktienkurs die Firma unterbewertet", heißt es dort.

Bis zum Börsengang vor vier Wo-chen war Giles ein noch eher unbekannter Mann in der Welt des großen Geldes. Seine Karriere hatte er nach dem Studium 1975 bei der Drogeriekette Boots gestartet, 1982 war er zu WHSmith gewechselt, wo er später die Leitung der Buchläden Waterstone?s übernahm. Diese wurden 1998 mit den beiden Ketten HMV und Dillon?s vom Musikriesen Emi zur heutigen HMV-Gruppe verschmolzen. Als Giles deren Führung ein Jahr später übernahm, galt dies in der Branche als echte Überraschung.

Kultur und Kommerz

Von Anfang an hatte Giles deshalb als Chef der HMV Group einen schweren Stand, für die Beobachter blieb er stets ein Außenseiter. Die Absatzschwäche bei Musik-CD, vor allem aber ein deutlicher Umsatzrückgang bei der Waterstone?s-Kette schienen seine Kritiker zu bestätigen. Der Manager hat jedoch kein Problem damit, von Verlagen Geld zu verlangen, damit deren Buchtitel besonders stark in den Läden angeboten werden. Eine Strategie, die für einen Aufschrei sorgte. Giles vernachlässige mit seinem Kommerzkurs das literarische Angebot, lautete der Vorwurf.

Doch damit hat Giles seinen Konzern aus der drohenden Krise geführt. Noch vor einem Jahr saß Waterstone?s auf 16 Millionen unverkauften Titeln und musste einen Gewinneinbruch an die damaligen Eigentümer melden, den Musikriesen Emi und die amerikanische Beteiligungsfirma Advent. Giles griff daraufhin durch, tauschte das Buch-Management ebenso wie widerwillige Ladenchefs aus, die seiner Verkaufsstrategie nicht folgen wollten. Auch eine Partnerschaft mit dem Onlinehändler Amazon scheute Giles nicht. Das letzte Weihnachtsgeschäft sah schon wieder recht gut aus.

Bodenständiger Kumpeltyp

Noch heute regiert er leicht genervt auf die nicht enden wollende Diskussion über Kultur und Kommerz, etwa über die Frage, ob ein Buchhändler Nietzsche gelesen haben muss oder nicht. "Ich habe auch eine Baumarktkette geleitet, obwohl ich überhaupt kein Heimwerker bin", stellt Giles mit trockenem Humor klar. Denn auch wenn sein Konzern vor allem mit Kultur Geld verdient - der Oxford-Absolvent bezeichnet sich selbst weder als Intellektuellen noch als Schöngeist.

Der Mann mit der leicht rötlichen Haartolle ist eher ein bodenständiger Kumpeltyp, der recht schnell mit jedem gut kann. So schlüpft Giles lieber in eine verwaschene Jeans statt in den feinen Boss-Anzug, zieht es den Familienvater eher mit seinen beiden Töchtern zu einem Popkonzert als in die Londoner Oper.

Und am Wochenende ist der HMV-Chef regelmäßig auf dem lokalen Fußballplatz zu sehen. Das Bier danach im Pub gehört natürlich ebenfalls dazu. Egal, ob Sieg oder Niederlage.

Vita

Alan James Giles wird am 4. Juni 1954 in Dorchester geboren. Der Physiker legt sein Diplom in Oxford am Merton College ab und studiert an der Stanford Business School. Mit 21 Jahren startet er seine berufliche Karriere bei der britischen Drogeriekette "Boots". Sieben Jahre später wechselt er zu "WHSmith", wo er zunächst Direktor von "Do It All" wird. Danach wechselt Giles in den Buchhandel zu "WHSmith", später als Managing Director zu "Waterstone?s". Seit 1999 ist er Chef der britischen Musik- und Buchhandelskette HMV. Der begeisterte Fußballfan und Freund von Popmusik sitzt seit 1996 auch im Board der Supermarktkette Somerfield.

Quelle: Handelsblatt

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