Chef der Deutschen Telekom
Ron Sommer: Watschenmann der Nation

Für bitter enttäuschte Aktionäre hat die Misere der Telekom einen Namen: Ron Sommer. Auf der Hauptversammlung morgen in Köln wollen sie mit ihm abrechnen.

Als die T-Aktie die 100-Euro-Hürde nahm, knallte kein Champagnerkorken bei der Telekom in Bonn. Aschfahl sei damals, im März 2000, das Gesicht ihres Chefs gewesen, erinnern sich Mitarbeiter. Ron Sommer war klar, dass die Börsenblase platzen musste, dass auf die Übertreibung nach oben die nach unten folgen würde. Heute bekommt man für 100 Euro acht T-Aktien, und Sommer preist sie als Schnäppchen an. Nur: Steigende Kurse sind nicht in Sicht, nirgends, saures Bier wäre einfacher zu verkaufen. Auf der Hauptversammlung der Deutschen Telekom AG morgen in Köln wird es Kritik hageln auf den Telekom-Chef.

Kein Manager in Deutschland ist so berühmt wie Sommer, und keiner wird so ausschließlich über den Kurs definiert wie er. Dabei entwickelte sich die T-Aktie seit 1996 nicht schlechter als die Konkurrenz. Die Internet-Revolution der 90er-Jahre, mit Gründerzeit, Börsenboom und Depression, machte die Kurse - wie vor 150 Jahren bei den Eisenbahngesellschaften. Egal ob ein Genie oder ein Besenstiel in diesen Zeiten Telekom-Chef gewesen wäre: der Kurs hätte sich seit 1999 kaum anders entwickelt. Wie also schafft es Sommer, in einer Weise wie kein anderer Manager vor ihm, zum Watschenmann der Nation zu werden?

Die Aktionäre leiden, Sommer nicht

Die Aktionäre leiden, Sommer nicht. Jedenfalls nicht sichtbar. "Kontinuierlich" arbeiteten er und sein Team die "Liste der Themen" ab, sagt er bei jedem seiner öffentlichen Auftritte. Auf dem Podest erscheint dann ein eleganter, eher zierlicher Mann, der hellwach in die Kameras blickt. Routiniert und locker spult der 52-jährige Mathematiker die Unternehmenskennzahlen ab, unterstrichen mit wohldosierten Gesten. Nur die früher grau melierten dunklen Haare sind jetzt eisgrau. Er spricht über die Erfolge der Telekom und ihre goldene Zukunft fast so, als steckte das Unternehmen nicht in tiefroten Zahlen, sondern eile zu Rekordgewinnen. Seit dem ersten Börsengang 1996 hat sich Sommers Kernaussage zur Kursentwicklung nicht geändert: "Wir arbeiten nicht für den Tagesspekulanten, sondern für den langfristig engagierten Investor."

Als sich der Kurs den 100 Euro näherte, klang dies wie Bescheidenheit pur. Doch wie mag sich heute ein treuer T-Aktionär fühlen?

Sommers Gesicht ist nicht aschfahl, wenn er zum Kurs gefragt wird, sondern leicht gebräunt wie immer. Begeistert blitzen die stets wachen Augen, sobald das Gespräch auf die Rosa-Panther-Produkte des magentafarbenen Konzerns kommt. High-Tech-Spielzeug zu attraktiven Preisen: Die Lektion aus seiner Sony-Zeit sitzt. Immer wieder passiert es in Vorstandssitzungen, dass Sommer ohne Vorwarnung Markteinführungsszenarien seiner Kollegen verwirft: "Wir machen T-DSL billiger". Basta.

Unermüdlich ist der "Oberste der Hierarchen", wie Sommer sich selber nennt, im dauergecharterten Firmenjet unterwegs im Weltkonzern. Zeitverschiebungen, wie sie Daimler-Manager schon einmal sichtbar quälen, kennt er nicht: Für Sommer ist überall auf der Welt "Bonn-Time". Arbeiten zu ungewöhnlichen Tageszeiten sind für ihn so normal, dass enge Mitarbeiter mit Anrufen rund um die Uhr rechnen müssen.

"Allways on" ist der Mann wie die Handys neuester Generation. Sein privates Gesicht kennt nur die Familie. Für seine Disziplin bewundern ihn die Mitarbeiter, doch ein wenig unheimlich ist ihnen schon, wie alle Kritik an ihm abperlt wie Fett an einer Teflon-Pfanne. Gerade weil sich Sommer nichts Privates entlocken lässt, wird er zur Projektionsfläche für Extremurteile über die Telekom. Loyalität über seine Funktion hinaus wird er in schwierigen Zeiten kaum erfahren.

In der Boomphase zeigten sich Bundesfinanzminister Hans Eichel und Bundeskanzler Gerhard Schröder gerne mit dem Manager ihrer wertvollsten Staatsbeteiligung.

Inzwischen klingen ihre Treuebekundungen nur halbherzig. Hinter den Kulissen werden längst wieder die Geschichten erzählt, die zeigen, dass sie ihn nicht wirklich mögen in Berlin.

Als Sommer 1998 gleich nach dem Regierungswechsel auf der Matte stand, um Erleichterungen bei der Regulierung anzumahnen, hinterließ er als Eindruck: "aufdringlich und arrogant". Im Finanzministerium wiederum haben ihm einflussreiche Beamte das Scheitern der Fusion mit der Telecom Italia nie verziehen. Seit 1999 machte der Großaktionär Druck, dass Sommer endlich mit der lange versprochenen Internationalisierung zu Potte kommen sollte. "Wenn er Voicestream nicht schafft", hieß es Anfang 2001, "dann ist er weg vom Fenster".

Der Satz gilt noch immer. Die Übernahme des US-Mobilfunkers ist zwar abgeschlossen; doch der teure Kaufpreis und die notwendigen Investitionen in Voicestream verhageln die Bilanz durch hohe Abschreibungen und Zinsen.

Heute interessiert die Aktionäre das Ziel Weltkonzern nur wenig. Sie verlangen von Sommer Sicherheit auf dem Weg dorthin.

Donata Riedel ist Handelsblatt-Korrespondentin in Berlin.
Donata Riedel
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