Chef der EnBW AG
Gerhard Goll: Der einsame Wanderer

Goll verpasste dem Energiekonzern eine moderne Struktur. Doch der eigenwillige Manager hat die Liberalisierung des Strommarktes falsch eingeschätzt.

STUTTGART. Gerhard Goll geht gern eigene Wege. Heute, an seinem 60. Geburtstag, genießt er nicht einfach den Tag oder lässt sich feiern, wie das Topmanager und Politiker bei solchen Gelegenheiten gern tun. Der Exzentriker sucht auch an diesem Tag die ganz persönliche Herausforderung: Er ist nach Marokko in den Hohen Atlas gereist. Anstrengende Bergtouren sind seit langem eine große Leidenschaft des asketischen Mannes.

Goll liebt es, anders zu sein. Das Querdenken hat er zu seinem Markenzeichen gemacht. Er kultiviert die Rolle der grauen Eminenz, die ihm als Staatsrat der Baden-Württembergischen Regierung einmal zustand. Typisch für ihn: Auf Fragen reagiert er häufig mit einer Schweigeminute, um dann in monotoner leiser Stimme seine Meinung darzulegen. Eine Methode, mit der er seine Gesprächspartner erstaunt, aber auch Respekt abnötigt.

Der gebürtige Stuttgarter hat eine steile Karriere in Politik und Wirtschaft gemacht. Nach seinem Jura-Studium begann er im Finanzministerium. Kurz vor dem Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU) war er für wenige Monate dessen Pressesprecher. Diese Erfahrungen dürften ihn ebenso geprägt haben, wie die Arbeit als Geschäftsführer in der CDU-Landtagsfraktion in Stuttgart.

Bundesweit bekannt wurde Goll bei der Neuordnung der baden-württembergischen Stromwirtschaft. Er spielte eine entscheidende Rolle, zwei rivalisierende Energieversorger unter ein Dach zu bringen. Das Badenwerk und die Energie-Versorung Schwaben fusionierten 1997 zum drittgrößten deutschen Energieversorger Energie Baden-Württemberg AG (EnBW). Inzwischen ist gehört auch die Neckarwerke Stuttgart AG zum Konzern.

Goll hat EnBW nach der Fusion eine übersichtliche und funktionsfähige Konzernstruktur verpasst. Dafür zollen ihm auch interne Kritiker Lob. Wenig Freunde hat er sich nach der Liberalisierung in der Stromwirtschaft gemacht. Er schätzte damals offensichtlich das Tempo der Deregulierung falsch ein. Das Vorbild der schnellen Öffnung des Telekommarktes vor Augen, startete Goll in die neue Epoche mit einer aggressiven Preispolitik bei den Industriekunden. Für Privatkunden gründete er die Billigstromfirma Yello mit dem Slogan "Strom ist gelb".

Doch der EnBW-Chef hatte die Rechnung ohne die Konkurrenz gemacht. Sie mauerte mit hohen Durchleitungsgebühren und blockierte eine erfolgreiche Liberalisierung. Golls Preispolitik hat in der EnBW-Bilanz Spuren hinterlassen. Die Erträge im Kerngeschäft Strom sind dünn, und Yello schreibt tiefrote Zahlen.

Längst hat der Abstieg Golls von der EnBW-Spitze begonnen, die Suche nach einem Nachfolger läuft. Spätestens in einem Jahr, hat er angekündigt, werde er in den Ruhestand gehen. Er hat begonnen, ein neues Vorstandsteam zusammenzustellen. Soeben hat er drei neue Manager ernannt. Dem neuen Team hinterlässt er einige Baustellen.

Dennoch ist die Zukunft der EnBW vorgegeben. Vor gut einem Jahr hat Goll in der Stuttgarter Landesregierung den Wunschpartner Electricité de France (EdF) als Großaktionär bei der EnBW durchgesetzt. Die EdF ist Europas größter Energiekonzern und damit ein finanzstarker Konzern. Rechtzeitig zum Geburtstag ist ihm ein weiterer Konzernausbau geglückt. Mit dem italienischen Gasriesen Eni übernimmt er jetzt die Gasversorgung Süddeutschland (GVS). Damit wird die EnBW ein Mitspieler im deutschen Gasmarkt.

Goll hat zwei erwachsene Kinder und liebt das einfache Leben. Nach einer Bergtour kehrt er zwar durchaus in ein Nobelrestaurants ein, um dort eine kleine Suppe zu essen. Der Stuttgarter ist auch ein eifriger Leser von gesellschaftskritischen und politischen Büchern.

Vita

Gerhard Goll, am 18. Juni 1942 in Stuttgart geboren, studiert in Tübingen und Freiburg Jura und arbeitet danach am Landgericht Stuttgart. 1974 wird er Leiter des Haushaltsreferats im Finanzministerium Baden-Württembergs und 1984 Vorstandsmitglied der Landeskreditbank. 1991 wechselt er als Staatsrat zu Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Erwin Teufel. 1993 leitet er das Badenwerk, seit 1997 die EnBW.

Quelle: Handelsblatt

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%