Chef der Kaskol-Gruppe
Sergej Nedoroslew: Der sibirische Aufsteiger

Er hat aus der maroden russischen Flugzeugindustrie die moderne Kaskol-Gruppe geformt. Nedoroslew ist es sogar gelungen, das Vertrauen von Airbus zu gewinnen. In Kürze vergibt der europäische Flugzeugbauer erstmals die Entwicklung wichtiger Komponenten nach Russland.

MOSKAU. "Wir sind so neue Russen, dass unsere westlichen Partner glauben, dass wir gar keine Russen sind", erzählt der Mann im gepflegten, westlichen Geschäftsanzug selbstbewusst. Sergej Nedoroslew, der Sibirier in Moskau, hat allen Grund dazu: Der europäische Flugzeugkonzern Airbus hat seine Holding Kaskol geadelt und mit der Gründung eines Airbus-Ingenieurzentrums in der russischen Hauptstadt beauftragt.

Im Oktober geht es los, russische Ingenieure lernen in Toulouse und Hamburg die Philosophie von Europas Flugzeugbauern kennen und entwerfen dann europäische Maschinen mit. Kaskol wird zudem wichtige Baugruppen für den Super-Airbus A380 und den Militärtransporter A400M herstellen.

Das sei der "Durchbruch" für die russische Industrie, meint der 38-jährige Kaskol-Chef. Denn bisher hätten Unternehmen im Riesenreich zwischen Petersburg und Pazifik allenfalls für westliche Konzerne montiert oder gefertigt. "Kaskol wird der erste russische Betrieb, der voll in eine westliche Entwicklungs- und Produktionskette aufgenommen wird." Russland exportiere so auch die geistige Leistung seiner Ingenieure und Wissenschaftler.

Der Airbus-Vertrag ist auch der Durchbruch für Nedoroslew selbst. Denn Russen aus der Provinz haben es im Wirtschaftsleben des Landes schwer. Und der promovierte Physiker kommt aus der tiefsten Provinz, dem sibirischen Landkreis Altai. 1988 kam er zur Dissertation über Halbleiter ins 3 500 Kilometer entfernte Moskau und blieb in der Hauptstadt hängen.

Doch das Fach hat er gewechselt: In Gorbatschows Perestroika-Ära gründete er mit zwei Freunden eine Firma für Unternehmens-Software. Dabei lernte er viele Flugzeugbetriebe kennen und entschied sich letztlich für diese Branche. Mit 28 Jahren kauft Nedoroslew seinen ersten Anteil an einem Großunternehmen - ein Fünftel des IAPO-Konzerns, der die berühmten Sukhoi-Kampfjets herstellt. Das Aktienpaket ist inzwischen ebenso verkauft wie die Anteile an Schiffsbaubetrieben.

Dem Selfmademan fällt es nicht schwer, sich von Beteiligungen wieder zu trennen: "Der Schiffbau war eine wichtige Etappe unserer Entwicklung, Aber Unternehmen aus China und Korea können das besser und billiger", lautet sein nüchternes Fazit. Verkauft hat er auch seine Schweizer Ingenieur-Firma CIM-Ingenia. Dort habe er "Unternehmenskultur gelernt", erzählt er, "wie man Kunden gewinnt, wie man mit ihnen reden muss und wie man eine Firma entwickelt." Der Russe mit Mietshaus in Zürich sitzt noch im Management der CIM-Ingenia.

Kaskol solle ein reiner Flugzeug-Konzern werden, erklärt er in seinem Büro und malt mit einem Bleistift unentwegt Kreise und Striche auf vor ihm liegende Blätter, um seine Sätze zu untermauern. Ein gelernter Wissenschaftler eben. Die Jet-Schmiede Sokol an der Wolga ist das Herzstück. Daneben reihen sich die Transport-Fluglinie "Wolga-Dnjepr", das UUAS-Hubschrauber- und Flugzeug-Werk im sibirischen Ulan-Ude und Hydromasch ein in die Kaskol-Gruppe. Der führende russische Hydraulik- und Chassis-Bauer fertigt schon seit sechs Jahren Komponenten für Liebherr, Dornier und Airbus.

"Am Anfang wollten die uns gar nicht. Aber wir haben nicht lockergelassen und bewiesen, warum wir die richtigen Partner sind", erinnert sich Nedoroslew. "Jetzt belegen wir Woche für Woche, dass wir als russisches Unternehmen zuverlässig produzieren und pünktlich liefern." Diese Tugenden haben den überzeugten Marktwirtschaftler bei deutschen Geschäftsleuten in Moskau beliebt gemacht.

Aber abgehoben hat der Luftfahrt-Pionier nicht, trotz eines Umsatzes von bald 200 Millionen Dollar und seines Mehrheitsbesitzes an Kaskol (www.kaskol.ru). Früher habe er "jede Kopeke umgedreht, um Milch für die Kinder zu kaufen". Heute sitzt der vierfache Familienvater in einem Hinterhof im Moskauer Zentrum, den er sich mit Kriminalpolizei und Amtsgericht teilt. Seine schlichte Büro-Möblierung hebt sich erfrischend ab von der sonstigen, pompösen Neureichen-Einrichtung der Moskauer Parvenüs.

Auch sein Herangehen an Investitionen unterscheidet ihn von den Oligarchen Russlands: "Man kann nicht einfach ein Flugzeugwerk kaufen, alle rausschmeißen, neue Leute anheuern und im Befehlston agieren", so Nedoroslew. Die Leute müssten an die Strategie glauben und sich als Teil eines Teams fühlen. "Argumentieren und überzeugen statt schreien." Nedoroslew hat den "Klub 2015" mitgegründet - einen Zusammenschluss von Managern, die bis 2015 beweisen wollen, "dass Russland ein junges Land ist, das sich um seine Kunden bemüht, pünktlich liefert und aus eigener Kraft blüht". Warum 2015? Dann werde die Gründergeneration 50 und habe ihr Lebenswerk stehen oder sei gescheitert.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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