Chef der Kathi Rainer Thiele GmbH
Der Möchtegern-Backmischungskönig

Manche nennen ihn bereits den "Dr. Oetker des Ostens". Das ist vielleicht etwas viel der Ehre, aber Rainer Thiele hat seit der Wende Erfolgsgeschichte geschrieben.

HB HALLE. Rainer Thiele ist mit sich rundum zufrieden. Der Chef und Eigentümer des ostdeutschen Nahrungsmittelherstellers Kathi Rainer Thiele GmbH hat bewiesen, dass auch ein ehemaliger volkseigener Betrieb eine wichtige Rolle in der Nahrungsmittelbranche spielen kann.

So bescheinigt das Marktforschungsinstitut Nielsen Kathi, beliebteste und meistgekaufte Marke bei Grundteigen und Kuchenmischungen wie "Kirsch-Melodie", "Apfel-Finesse" und "Mandarinen-Traum" in den neuen Bundesländern zu sein. Auch in den alten Bundesländern befindet sich Thiele auf dem Vormarsch; Kathis Marktanteil bei Backmischungen ist im vergangenen Jahr von rund 7 auf 9,6 Prozent gewachsen.

In den vergangenen zehn Jahren vervielfachte sich der Umsatz von 3,8 auf mehr als 26 Millionen Mark (13,4 Millionen Euro) Gleichwohl: Verglichen mit den Nahrungsmittelriesen ist Kathi immer noch ein Zwerg. Was den agilen, untersetzten Thiele täglich anspornt, "die Oetkers, die Knorrs und die Maggis" dieser Welt mit immer neuen Produktideen zu attackieren.

Bis die West-Konzerne Kathi ernst nahmen, war es jedoch ein langer Weg. Schon einmal, Anfang der 70er-Jahre, stand Thiele an der Spitze der Familienfirma. Es war, sagt Thiele heute, "die schlimmste Zeit meines Lebens".

1972, 48 Stunden nach der Enteignung durch das damalige DDR-Regime, muss Thiele, gerade 28 Jahre alt, für den kranken Vater in die Bresche springen. Der kann, zwei Jahrezehnte nachdem er Kathi gegründet hat, den Verlust der unternehmerischen Freiheit nicht verkraften. 1974 muss Thiele, weil er sich weigert in die SED einzutreten, ins Kombinat für Nahrungsmittel und Kaffee wechseln.

1990, mit dem Zusammenbruch der DDR, holt sich Thiele Kathi zurück. Er reprivatisiert den Betrieb, investiert 20 Millionen Mark in moderne Produktionsanlagen. Und erkennt schnell: ohne konsequentes Marketing kein Erfolg. Seitdem fließen jährlich 12 Prozent des Umsatzes in Werbung.

Wenn Thiele die bewegte Geschichte seiner Firma erzählt, dann funkeln seine Augen, dann schlägt seine Kämpferherz höher. Es fällt nicht schwer sich auszumalen, wie dieser Mann die Einkäufer großer Handelsketten bearbeitet, damit seine Produkte in ihren Regalen landen.

Nie, sagt Thiele, habe er sich unterkriegen lassen. Nicht von der Planwirtschaft und auch nicht von den ersten harten Jahren nach der Wende. Stolz führt er Gäste der Firmenzentrale in Halle durch das "Kathineum": ein kleines Museum, in dem etliche Exponate, etwa die Origanalrezepte seiner Mutter Kathi, zu besichtigen sind.

Der Name Kathi steht für Tradition. Seine Eltern hatten ihn Anfang der 50er-Jahre nach internationalem Recht schützen lassen. "Kleiner machen konnten sie uns, aber nicht einfach auslöschen", erinnert sich Thiele mit Bitterkeit an die Zeit der Enteignung.

Ein Schulfreund habe ihm damals geholfen, beim Kombinat VBB Süß- und Dauerbackwarenindustrie eine neue Arbeit zu finden. Thiele grinst und nennt es Ironie der Geschichte, dass er dort schließlich auch für den elterlichen Betrieb verantwortlich war.

Eine andere "merkwürdige Wendung" regt ihn noch immer auf: Als er 1990 bei der zuständigen Umwandlungsbehörde in Halle die Reprivatisierung Kathis beantragte, saßen dort auch zwei Männer, die seine Familie 28 Jahre zuvor enteignet hatten. Aber ihn wundere ihn nichts mehr, sagt Thiele, auch nicht, dass jetzt ein PDS-Politiker Wirtschaftssenator in Berlin ist.

Er schüttelt den Kopf. Dann sagt er schnell: "Schreiben Sie nichts Böses! Die Wähler sind auch meine Kunden!"

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