Chef der Skateboardfirma Titus AG
Titus Dittmann : Der kultige Berufsjugendliche

Einst als Lehrerhippie verspottet, hat sich Titus Dittmann zum erfolgreichen Skateboard-Hersteller gemausert. Der 53-jährige "Spätpubertierer" hat die Szene im Griff.

MÜNSTER. Männer, die nicht erwachsen werden, haben kein leichtes Los. Sie tragen Jeans, die ihnen nicht mehr passen, fahren Autos, die auf den Schrott gehören, und wagen sich auf Sportgeräte, die andere Leute ihren Kindern verbieten. Und weil sie nie älter werden wollen, machen sie sich zum Gespött.

Titus Dittmann ist mit 53 Jahren so ein Berufsjugendlicher, ein "Spätpubertierer", wie er sich selbst bezeichnet. Doch Spott erntet er nicht mehr, wenn er auf einem Skateboard mit Jeans und Kapuzenpulli durch die beschauliche Münsteraner Innenstadt fährt. Der Ex-Lehrer ist nicht nur Träger des renommierten Wirtschaftspreises "Entrepreneur des Jahres", er ist vor allem Kultfigur und nebenbei einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Dittmann ist Gründer und Vorstandschef der Titus AG, des Senkrechtstarters der deutschen Sportartikelbranche. "Lehrerhippie" nannte ihn die Konkurrenz, als er vor Jahren erstmals seine bunten Rollbretter auf der Sportartikelmesse Ispo auspackte. Doch wenn er in diesen Tagen auf der Ispo aufläuft, lacht niemand mehr. Die Skateboardwelle rollt in Deutschland, und damit rollt der Rubel bei Titus. Die Münsteraner Firma verkauft alles, was auf deutschen Schulhöfen derzeit angesagt ist. Schnittige Bretter, coole T-Shirts und vor allem lässige Schlabberhosen ("Baggys"), die unbedingt tief herunterhängen müssen. Geschätzter Marktanteil in Deutschland: über 50 Prozent. Umsatz 2001: rund 70 Millionen Euro.

Seine Zielgruppe und ihre Bedürfnisse kennt Dittmann genau. "Skateboarden ist ein Ausdrucksmittel von Jugendlichen in der Orientierungsphase", doziert er wie in einem Seminar für angehende Sozialpädagogen. Abgrenzen wollen sich Jugendliche von Eltern und Erziehern, "gegen die sie in Diskussionen doch immer nur den Kürzeren ziehen". Dazu eigne sich Musik und besonders das Skateboardfahren; denn das sei etwas, was Erwachsene nicht können. "Und wenn sie es doch versuchen, endet das in der Regel mit Knochenbrüchen", feixt der Altmeister des rollenden Brettes.

Wie Dittmann selbst auf die Rollen kam, ist gut gepflegte Firmenlegende. Ende der siebziger Jahre wagte der damals frisch gebackene Referendar am humanistischen Gymnasium in Münster, Hittorf, seine ersten Sprünge. Ein "Überlegenheitsgefühl" sei ihm gekommen, als er mit seinem Skateboard Treppengeländer herunterrutschte und über Bordsteine hüpfte. Gegen den Widerstand des Schuldirektors richtete er eine Skateboard AG ein, doch es fehlte an Material. Flugs importierte Dittmann Bretter aus Kalifornien und zog so einen schwunghaften Handel auf. Sein erster Shop waren "41 Quadratmeter Sozialwohnung, der Küchentisch war die Ladentheke". Die Beamtenlaufbahn war abgehakt.

Heute lässt Titus die Bretter in Fernost und Osteuropa fertigen, Vertrieb und Marketing sitzen in einer umgebauten Maschinenfabrik im Gewerbegebiet Münster Süd. Rund 500 Mitarbeiter in einem Dutzend Profit-Center sorgen dafür, dass der Skateboardboom so schnell nicht wieder abebbt - wie zu Beginn der neunziger Jahre. Da war Titus fast pleite. Denn die "Welle", wie Dittmann sie nennt, ist tückisch. "Die richtige Szene skatet immer, dann kommen die Medien und erklären es zum Trend, und plötzlich wollen alle Skateboards." Und das ist dann immer der Anfang vom Ende.

Mittlerweile glaubt man bei Titus, die Sache besser im Griff zu haben. Der hauseigene Katalog "Maglog" mit einer Auflage von 375 000 Exemplaren ist die Skaterbibel. Sie sagt, welche Klamotten und Boards cool sind und über welche Titus-Vertriebskanäle sie zu kaufen sind. "Skateboard", das Skatermagazin, setzt die Helden der Szene mit ihren gewagtesten Sprüngen ins Bild. Der jährliche Saisonhöhepunkt ist aber das "Monster-Mastership", die offizielle Skateboard-Weltmeisterschaft in der Dortmunder Westfalenhalle. Erwartete Teilnehmer: 20 000. Ausrichter: die Titus AG, wer sonst.

"Nur nicht aufgesetzt wirken, immer echt bleiben" - so lautet eine von Dittmanns Lebensmaximen. Sie ist zugleich oberster Grundsatz für das sensible Geschäft mit dem Skateboard. Wahrscheinlich sitzt die Jeans des Familienvaters deshalb auf Hüfthöhe und nicht szenegerecht in den Kniekehlen, wenn er mit seinem 19-jährigen Sohn Julius gemeinsam durch die Skaterbahnen rast.

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