Chef der Verbundnetz Gas AG (VNG)
Klaus-Ewald Holst: Der streitbare Ossi

Er ist einer der wenigen Ostdeutschen, die es zum Chef eines Konzerns gebracht haben. Jetzt ist aber ungewiss, wer künftig bei VNG das Sagen haben wird.

BERLIN. Für ihn ist es sein zweiter Kampf um die Freiheit. Aufgebracht streicht sich der große, schlanke Mann über sein leicht schütteres Haar und ruft in den Raum hinein: "Unser Unternehmen muss unabhängig bleiben!" Das klingt aus dem Munde des Vorstandsvorsitzenden der Verbundnetz Gas AG (VNG), Klaus-Ewald Holst, in der Berliner Dependance des Leipziger Gasversorgers wie ein Schlachtruf.

Die Niederlassung liegt keinen Kilometer entfernt von jenem Ort, wo in diesen Tagen über die Zukunft der VNG und damit auch von Klaus-Ewald Holst entschieden wird. Vom Bundeswirtschaftsministerium hängt es ab, ob das Unternehmen ein eigenständiger Spieler auf dem internationalen Gasmarkt bleiben wird. Die Ministererlaubnis für die Fusion der beiden Energiekonzerne Eon und Ruhrgas wird mit einer Bedingung verknüpft sein, die das ausgewogene Kräftespiel in der Gesellschafterstruktur der VNG stören wird. Falls sie fusionieren, müssen sie ihre Anteile von zusammen rund 42 Prozent an der VNG abgeben.

Ohnmacht gegenüber den Ministerialbeamten

"Wer wird aber dann das Gegengewicht zu den anderen sechs Aktionären wie Wintershall und der Gas-de-France-Tochter EEG Transport GmbH-Erdgas bilden?" fragt Holst immer wieder an diesem Abend. Und wer wird die guten Kontakte der Ruhrgas nach Russland ersetzen? Heftig und schnell spricht er im Kreis der eilig einberufenen Journalisten über seine Furcht, "einfach vom Markt gefegt zu werden". Und er beklagt die Ohnmacht gegenüber "diesen Ministerialbeamten, die irgendetwas auf dem Papier verschieben, ohne zu wissen, was sie tun".

Doch sein Widerstand kommt zu spät. Um zu verhindern, was er verhindern will, hätte er schon vor Monaten protestieren müssen, vor und hinter den Kulissen auf der Berliner Bühne. Aber das liegt ihm nicht. Der 59-Jährige ist weniger Stratege als Macher.

Doch aufgegeben hat Holst noch nicht. "Schon einmal haben wir Ostdeutschen für die Freiheit gekämpft!" betont er in der Berliner VNG-Filiale und schiebt sich energisch die Brille zurecht. Dann beklagt er das Schicksal dieses ostdeutschen Unternehmens, dessen Name womöglich einfach vom Markt verschwinden wird. Holst geht es in diesem Moment wohl weniger um die bedrohten Arbeitsplätze als um seine Region - um sein Lebenswerk.

Vom Bergbauingenieur zum Vorstandschef

Denn die Geschichte des Herrn Holst ist die Geschichte der VNG. Mit 25 Jahren kam der gelernte Bergbauingenieur aus Mecklenburg zum Gasversorger nach Leipzig und begann seine Karriere als Entwicklungsingenieur im damaligen VEB Verbundnetz Gas, der damals zum Gaskombinat Schwarze Pumpe gehörte.

Zur Zeit der Wende hatte es der damals 46-jährige Vater eines Sohnes gerade mal zum "Hauptabteilungsleiter Instandhaltung" gebracht. Denn wer höher aufsteigen wollte, musste seine Nähe zur Regierung auch mit einem Beitritt zur Staatspartei SED demonstrieren. Holst aber war Mitglied der LDPD, die später in der FDP aufging.

Doch mit 47 Jahren schaffte Holst dann das, was nur wenigen Ostdeutschen gelang: Er wurde Vorstandschef eines Konzerns, der Verbundnetz Gas AG. Ihm gelang es, die Treuhandanstalt und die Aktionäre von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. Er enttäuschte sie nicht. Holst knüpfte schon früh Kontakte zum Erdgaslieferanten Norwegen, um die Abhängigkeit von Russland zu verringern. Er brachte den Konzern 1996 in die schwarzen Zahlen und machte ihn bis heute mit einem Umsatz von 3,1 Milliarden Euro zum zweitgrößten Gasversorger Deutschlands.

"Für ihn war es die Chance seines Lebens, endlich selbst zu gestalten und aus einem planwirtschaftlich gegängelten Unternehmen eine erfolgreiche West-Firma zu machen", sagt ein langjähriger Kollege. Das Ende der Unabhängigkeit der VNG wäre auch das Ende der Karriere von Klaus-Ewald Holst - einer ostdeutschen Managerkarriere.

Vita

Klaus-Ewald Holst, geboren am 16. Mai 1943 in Neustrelitz, macht nach dem Abitur eine Lehre und schließt 1967 sein Ingenieurstudium an der Bergakademie in Freiberg ab. Er startet seine Karriere 1968 als Entwicklungsingenieur Untergrundgasspeicherung beim VEB Verbundnetz Gas. Er promoviert 1977 nebenbei und steigt 1990 zum Vorstandsvorsitzenden des Unternehmens auf, das sich dann in Verbundnetz Gas AG umbenennt. Er hat viele Ehrenposten. So ist er Königlich Norwegischer Konsul für den Freistaat Sachsen.

Quelle: Handelsblatt

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