Chef des Allianz-Konzerns
Henning Schulte-Noelle: Der scheue Souverän

Er ist einer der mächtigsten Manager in Deutschland. Doch ausgerechnet zu seinem 60. Geburtstag belastet der Fusionspartner Dresdner Bank die Allianz. Schulte-Noelle ist gefordert.

MÜNCHEN. Henning Schulte-Noelle mag kein großes Aufheben um seine Person. Wenn der wahrscheinlich einflussreichste Manager Deutschlands am Montag 60 Jahre alt wird, weilt er im Urlaub. Der Allianz-Chef ist abgetaucht und feiert privat im kleinen Kreis. Die Feierstimmung dürfte ohnehin gedämpft sein - angesichts des aktuellen Milliardenverlusts der im vergangenen Jahr übernommenen Dresdner Bank.

Aber Personenkult, wie ihn die Deutsche Telekom mit ihrem Ex-Chef Ron Sommer pflegte, ist beim größten Versicherungskonzern Europas ohnehin verpönt. Nüchternheit und Understatement sind Trumpf - auch beim Chef. Auf die Frage, wie er sich als mächtigster Manager Deutschlands fühle, antwortete er in einem Handelsblatt-Interview: "Völlig überschätzt."

Über Macht redet man nicht, Macht hat der Chef der Allianz qua Amt, auch wenn er das selbst eher Einfluss nennen würde. Diesen übt er am liebsten im Verborgenen aus. Die größte Kapitalsammelstelle verwaltet rund eine Billion Euro Vermögen ihrer 60 Millionen Kunden und hält Beteiligungen an zahlreichen großen Dax-Unternehmen - nur weil die Allianz den Auftrag habe, nach guten Kapitalanlagen für ihre Kunden zu suchen, wie der Vorstandschef versichert.

Dennoch: Die Fäden der deutschen Wirtschaft laufen in München zusammen. Angeblich ist er der Manager, der am schnellsten im Kanzleramt zum Regierungschef durchgestellt wird. "Ich bin niemand, der sich in den Vordergrund schiebt", sagt er von sich selbst. Aber das braucht er auch nicht, weil er sich für gewöhnlich schon dort aufhält.

Kaum ein deutscher Konzernchef strahlt schon beim Betreten eines Raumes eine derartige Souveränität und Autorität aus wie der Mann, der als Abiturient Diplomat werden wollte. Ihm hilft dabei sein Gardemaß von über 1,90 Meter und sein markantes Gesicht mit dem Schmiss aus Tübinger Studentenzeiten. Sein immer perfekt sitzender, dunkler Zweireiher, sein strenger Scheitel, seine vornehme Höflichkeit und seine klare, unmissverständliche Sprache tun ihr Übriges. Emotionen verbirgt er. Der promovierte Jurist wird deshalb oft als kalt und berechnend beschrieben. Aber im Gespräch lacht er auch mal.

Seit Schulte-Noelle die Steuerung des Allianz-Konzerns im Oktober 1991 übernommen hat, treibt er die Internationalisierung voran, auch in Asien und Osteuropa. Außerdem griff er für den Kauf des französischen AGF-Konzerns und die Dresdner Bank tief in die Tasche. Dazu der Börsengang in den USA. Sein Ziel ist der Ausbau der Allianz zum globalen Allfinanzkonzern, der die Bereiche Versicherung, Vorsorge und Vermögen abdeckt.

Auch wenn es dabei wie in letzter Zeit hart auf hart kommt, lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. An einer einmal getroffenen Entscheidung hält der Westfale unbeirrt fest. Die umstrittene Übernahme der Dresdner Bank, die 25 Milliarden Euro kostete, habe er "noch kein einziges Mal bereut".

Vor allem der Milliardenverlust der Bank hat die Allianz im zweiten Quartal dieses Jahres in die Verlustzone gebracht. Dazu kommen Probleme im klassischen Geschäft: Die Sparte Industrieversicherungen und die US-Tochter Fireman?s Fund machen ebenfalls Verluste. Zu den Terroranschlägen vor zwölf Monaten kommen jetzt noch Überschwemmungsschäden. Die Aktie befindet sich auf Talfahrt.

Doch Schulte-Noelle will auf alle Fälle noch die nächsten fünf Jahre weitermachen und beweisen, dass der Kauf der Dresdner Bank richtig war. Der begeisterte Bergwanderer weiß, dass der Weg zum Gipfel manchmal länger dauert. Gerne zieht sich der verheiratete Vater zweier Kinder zur Entspannung auf seinen bayerischen Bauernhof zurück oder spielt Klavier und Orgel. Den Ausgleich kann er brauchen - die Allianz befindet sich in einer turbulenten Phase. Schulte-Noelle wird noch öfter im Rampenlicht stehen, als ihm lieb ist.

V I T A

Henning Schulte-Noelle.Er wird am 26. August 1942 in Essen geboren. Zunächst studiert er Rechtswissenschaften in Deutschland und Großbritannien, promoviert und erwirbt 1973 den Master of Business Administration an der Wharton School in Philadelphia/USA. Er arbeitet bei einer Frankfurter Anwaltskanzlei und beginnt 1975 seine Karriere bei der Allianz als Assistent des Leiters der Zweigniederlassung Nordrhein-Westfalen. Er steigt vom Leiter der Filialdirektion Aachen (bis 1988) zum Vorstandsmitglied und Vertriebschef der Allianz Versicherungs-AG und der Allianz Lebensversicherungs-AG auf. 1991 wird er Vorstandschef der Allianz Lebensversicherungs-AG und dann Vorstandsvorsitzender der Allianz AG Holding. Er ist unter anderem Mitglied im Vorstand des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft.

Martin-Werner Buchenau
Martin-W. Buchenau
Handelsblatt / Korrespondent
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