Chef des Präzisionswaagen- und Filterherstellers Sartorius
Utz Claassen: Wunderkind in der Bewährungsprobe

Utz Claassen tauschte 1997 die Konzernkarriere gegen den Chefsessel bei Sartorius. Auf schnelle Erfolge folgten Probleme. Jetzt muss der Querdenker zeigen, was er kann.

Sollte in Utz Claassen ein Aufrührer stecken, hat er ihn gut verborgen. Makellos sind Kleidung und Auftreten, wohl gesetzt die Worte. Täglich fährt der Autofan mit der Bahn von Hannover ins nahe Göttingen, zum Sitz der Sartorius AG. Er hat gelernt, was einer lernen muss, der in Konzernen groß geworden ist, und zwar verdammt schnell: Biete keine Angriffsfläche! Und er hat seine Lehre daraus gezogen: Verlange von anderen nicht das Gleiche!

Seit Claassen Sartorius führt, macht der heute 38-Jährige mit Ausflügen auf das Feld der Unternehmenskultur von sich reden. Warum ein Manager eigentlich keinen Ohrring tragen dürfe, fragte er in einem Handelsblatt-Beitrag. Wer Persönlichkeiten wolle, müsse auch persönlichen Stil tolerieren.

Dann ist Claassens persönlicher Stil wohl die Tarnung. Hinter dem biederen Äußeren verbirgt sich ein Querdenker aus Spaß und Überzeugung. Die eigene Klientel erschreckt der Oxford-Absolvent und Honorarprofessor der Universität Hannover gern mit defätistischen Sätzen über Standortgejammer, Tarifrituale und die Phantasielosigkeit von Entlassungen. Per Betriebsvereinbarung ist bei Sartorius Mobbing ebenso verboten wie das Zurückhalten von Informationen. Als er vor vier Jahren, mitten in der Krise, Sartorius-Chef wurde, fegte er die Treppe von oben: Die alte Führungsriege musste gehen.

Da war Claassen 34. Ein Wunderkind krönte seine Musterkarriere - vorläufig. Oxford, McKinsey, Ford, VW, Seat-Vorstand waren bis dahin die Stationen gewesen. Er fand 1997 ein in Ehren ergrautes Unternehmen der "Wäge- und Separationstechnik" vor. Das seit 1990 börsennotierte, heute 131 Jahre alte Unternehmen stellte Filter und Waagen für Labors und die Lebensmittelindustrie her und stagnierte bei minimalem Gewinn vor sich hin.

Inzwischen spricht man bei Sartorius lieber von "Mechatronik und Biotechnologie". Umsatz und Gewinn sind stark gestiegen. Ein halbes Dutzend Unternehmen wurde gekauft, die Produktpalette erweitert. Bis vor einem Jahr war die Bilanz makellos.

Doch dann zeigten sich die Kehrseiten des ehrgeizigen Wachstums. Die Produktion wurde mit der Auftragsflut nicht fertig, die Ausschussquote stieg, hohe Investitionen belasteten die Bilanz, Zukäufe mussten saniert werden, das Quartalsergebnis färbte sich rot. Vor wenigen Wochen verschob Sartorius wegen der schlechten Börsenlage auch noch den Börsengang seiner Biotech-Tochter Vivascience. Inzwischen greift der Sanierungsplan. Aber das Wunderkind steckt in der Bewährungsprobe.

Einige mögen das mit Befriedigung sehen. Zwei Jahre nach Amtsantritt musste Claassen bereits einen schlagzeilenträchtigen Streit mit Sartorius-Erben bestehen. Mehrheitsaktionär Horst Sartorius hatte das Jungtalent von Seat geholt. Als der Mentor 87-jährig starb, drehte sich der Wind. Einigen Erben war der Expansionskurs suspekt, mit zweifelhaften Methoden versuchten sie, die Macht zu übernehmen. Doch Claassen setzte sich durch, er hat die Mehrheitsvertreter hinter sich. Manchmal bewährt es sich eben doch, ein bisschen Erfahrung mit Konzernkabalen zu haben.

Beim Fußballklub Hannover 96 half das nicht. Eigentlich ist das Sportlichste an Claassen die stets griffbereite Diät-Cola. Optisch gehört er eher in die lebensfrohe Ecke, der Taucherei seiner Frau kann er nichts abgewinnen. Aber frühere Kollegen aus dem VW-Konzern zeigen sich noch heute beeindruckt von dynamischen Dribblings auf dem Parkplatz. Und so ereilte Claassen vor einigen Jahren der Präsidentenjob beim Zweitligisten. Er versuchte es in dieser Managerart: schonungslose Analyse, harte Sanierung.

Aber Fußballklubs sind eben anders. Am Ende brauchte der Präsident Leibwächter. Da hat er sich abgewöhnt, keine Angriffsfläche zu bieten.

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