Chef-Stratege: Aufschwung bei Aktien in weiter Ferne
Merrill Lynch bleibt pessimistisch

Richard Bernstein stellt sich gegen den Trend. Gerade weil die meisten seiner Kollegen zum Einstieg an der Börse blasen, rät der US-Chefstratege von Merrill Lynch von Aktien ab. Der Experte verweist auf eine Reihe von Risiken - vom Irak-Konflikt bis zur amerikanischen Wirtschaftslage.

NEW YORK. Da sage noch einer, die Bankstrategen an der Wall Street hingen ihr Fähnchen immer nach dem Wind. Im Gegenteil: Obwohl die US-Börsen nach drei Minus-Jahren in Folge auch 2003 schon wieder im Minus liegen, sind die Experten der meisten Banken dennoch optimistisch.

Einem von ihnen bereitet genau das Sorge. Richard Bernstein, US-Chefstratege der Investmentbank Merrill Lynch, beobachtet die Urteile seiner Kollegen - und empfiehlt dann selbst das Gegenteil. "In der Vergangenheit war es positiv, wenn die meisten Experten pessimistisch waren - und umgekehrt", sagt Bernstein.

Momentan sendet sein so genannter "Sellside-Indikator", der die den Aktienanteil in den Muster-Portefeuilles führender Banken misst, ein negatives Signal. "Die meisten Wall-Street-Strategen glauben nach wie vor, dass die Gelegenheit zum Aktienkauf derzeit besser ist als in den vergangenen 18 Jahren", sagt der Merrill-Experte. Er glaubt, dass die Mehrheit in Investmentfragen stets irrt, und nimmt daher die entgegengesetzte Position ein.

Bernsteins Musterportefeuille enthält aktuell 45 % Aktien. Das liegt deutlich unter der langfristigen Zielmarke von 60 %. Die Anlageformen Anleihen (35 % gegenüber Messlatte 30 %) und Barquote (20 % gegenüber Normalwert 10 %) hat Bernstein dagegen überdurchschnittlich stark gewichtet. Damit ist Merrill Lynch nach eigener Aussage eine von nur zwei Wall-Street-Adressen, deren empfohlener Aktienanteil unter der neutralen Marke von 60 % liegt. Alle anderen Banken sind optimistisch für die Börsen gestimmt - trotz Dauerbaisse und Irak-Konflikt.

"Die aktuellen Sorgen um einen neuen Irak-Krieg eröffnen Chancen für Investoren", erklärt Stratege Francois Trahan von der New Yorker Investmentbank Bear Sterns in einem aktuellen Kommentar. Er glaubt, dass die Märkte sich bald auf die "positiven ökonomischen Fundamentaldaten" konzentrieren und die Kriegssorgen die Kurse nur vorübergehend belasten.

Auch weniger euphorisch gestimmte Experten wie Steve Galbraith, US-Chefstratege der Investmentbank Morgan Stanley, halten Aktien für die beste Anlageklasse. "Wer heute investiert, kann sich auf eine jährliche Rendite zwischen sechs und acht Prozent mit Sicht auf die nächsten zehn Jahre einstellen", schlussfolgert Galbraith aus seinen Bewertungsmodellen. Das sei zwar nicht viel im Vergleich zu den tollen Tagen an der US-Technologiebörse Nasdaq. Aber Anleihen seien in den vergangenen Jahren schon so außergewöhnlich gut gelaufen, dass sie kaum noch Luft nach oben hätten, meint der Morgan-Stanley-Experte.

Warum also mag Merrill-Mann Bernstein trotzdem keine Aktien? Der skeptische Stratege hat prompte Antworten auf diese Frage parat. Fünf mögliche Auslöser könnten aus seiner Sicht den optimistischen Grundkonsens der meisten Experten zum Einsturz bringen und die nächste Verkaufswelle an den Börsen auslösen. Da wäre zunächst ein dauerhaft hoher Ölpreis, der auch nach einer erfolgreichen US-Invasion im Irak nicht sinkt. Bernstein verweist auf die niedrigen Ölreserven der USA. Dann könnte der Krieg nicht ganz so schnell und glatt verlaufen, wie offenbar die meisten Investoren erwarten. Das dritte Risiko sieht der Stratege in den überoptimistischen Gewinnprognosen der Analysten. Sein vierter Punkt sind mögliche Terroranschläge in wichtigen Ölländern wie Algerien. Fünftens warnt Bernstein vor einer neuen US-Rezession.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%