Chef von KPMG Deutschland
Harald Wiedmann: Der Fels in der Brandung

Mehrmals muss Harald Wiedmann an diesem Morgen tief durchatmen. Eigentlich will der Vorstandssprecher der KPMG Deutschland im Konferenzsaal des berühmten Frankfurter Hofes vor allem über etwas Erfreuliches reden: zum Beispiel über die guten Zahlen, die er im vergangenen Jahr mit Deutschlands größter Wirtschaftsprüfungsgesellschaft erreicht hat. Ein Umsatzsprung um ein Viertel auf 1,5 Milliarden Euro - "das kann sich sehen lassen", lobt sich Wiedmann.

Aber das interessiert an diesem Vormittag kaum jemanden im Frankfurter Nobelhotel. Die zahlreich versammelten Journalisten haben vor allem viele unangenehme Fragen zum jüngsten Skandal beim Telematik-Hersteller Comroad. Die Neue-Markt-Firma hat den Löwenanteil des Umsatzes über Scheingeschäfte mit einer Firma in Hongkong nur vorgetäuscht - und KPMG war der Abschlussprüfer.

Doch Wiedmann, wie immer konservativ-dezent gekleidet, gibt sich gelassen. Der 57-Jährige holt noch einmal tief Luft, rückt seine hellblaue Krawatte und die runde, rot geränderte Brille zurecht und beantwortet selbstbewusst die auf ihn niederprasselnden Fragen.


"Wir Wirtschaftsprüfer sind keine Wunderheiler und können auch nicht die Strafbehörden ersetzen", erklärt Wiedmann, und er hebt seine Stimme deutlich an, um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Das hält den promovierten Juristen, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer jedoch nicht davon ab, die Bilanzen seiner Mandanten mit deutlich angespitztem Bleistift zu prüfen.

Im Fall Comroad entschloss sich KPMG in diesem Februar zu einem spektakulären Schritt und legte das Mandat nieder, weil die Wirtschaftsprüfer nicht zu klärende Ungereimtheiten in der Bilanz entdeckten. "Damit haben wir die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft erst in Gang gesetzt", rückt Wiedmann die Rolle seiner Prüfer ins rechte Licht. So ausführlich, wie es die Verschwiegenheitspflicht eines Wirtschaftsprüfers gerade noch zulässt, schildert der Deutschlandchef die Vorgänge bei der Telematikfirma Comroad.

Anscheinend hat er aus früheren Fällen gelernt. Bereits bei der Krise um den Baukonzern Holzmann und beim Skandal um den baden-württembergischen Mittelständler Flowtex geriet KPMG als Abschlussprüfer in die Schlagzeilen. Das war eine ungewohnte Rolle für Wiedmann, der sich plötzlich ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit gezerrt sah und Prügel für seinen ganzen Berufsstand einstecken musste. Damals berief er sich auf sein Schweigegelübde und tauchte ab.

Inzwischen geht er offener an die kritischen Themen heran. Das Verhältnis von Wirtschaftsprüfern und Mandanten, also den Unternehmen, sei sehr sensibel, warnt er vor einer vorschnellen Verurteilung der Prüfer. Geschickt holt er sich Flankenschutz von überraschender Seite. "Der Vorsitzende im Flowtex-Prozess hat gesagt: Kein Wirtschaftsprüfungs-Unternehmen kann einem Auftraggeber entgegentreten, als handele es sich um einen potenziellen Betrüger. Und damit hat er Recht", sagt Wiedmann.

Sicherlich hatte er sich seine Aufgabe bei KPMG anders vorgestellt, als er 1998 den Posten des Vorstandssprechers in Deutschland übernahm. Er wollte das Unternehmen vor allem im Geschäft weiter voranbringen. Doch seither ist er mehr damit beschäftigt, das angekratzte Image von Deutschlands Nummer eins in der Prüfungsbranche wieder herzustellen. Da bleibt für seine Hobbys, etwa die Lektüre historischer Bücher oder Kunst und Architektur, nur noch wenig Zeit.

Insbesondere der Skandal um den Horizontalbohr-Spezialisten Flowtex hat tiefe Kratzer am KPMG-Image hinterlassen. Immerhin musste die Prüfungsfirma den erzürnten Gläubigern des Unternehmens bei einem Vergleich rund 50 Millionen Euro überweisen. Obwohl dies der höchste Betrag ist, den Prüfer in Deutschland bislang gezahlt haben, bleibt Wiedmann stur: "Das war Betrug. Und Betrügern werden wir auch künftig aufsitzen."

Endlich hat er es geschafft. Die Pressekonferenz ist zu Ende. Wiedmann atmet erleichtert auf und verlässt den Saal im Frankfurter Hof. Vielleicht denkt er wieder an die geplante Fusion mit dem deutschen Zweig des angeschlagenen US-Konkurrenten Arthur Andersen - auch ein schwieriger Job.

Vita
Harald Wiedmann, am 15. Februar 1945 in Schwäbisch-Gmünd geboren, startet als promovierter Rechtsanwalt, Wirtschaftsprüfer und Steuerberater seine Karriere 1974 bei Peat Marwick Mitchell & Co., wo er acht Jahre später zum Partner ernannt wird. 1992 holt ihn die deutsche KPMG in den Vorstand, wo er 1998 zum Sprecher aufsteigt. Nebenbei ist Wiedmann Honorarprofessor an der TU Berlin.

Jens Koenen leitet das Büro Unternehmen & Märkte in Frankfurt.
Jens Koenen
Handelsblatt / Leiter Büro Frankfurt
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%