Chefstratege der Dresdner-Bank-Investmentsparte erwartet keine schnelle Kurserholung
Aktienpessimist warnt vor "Eiszeit“ an den Börsen

Albert Edwards fiel schon vor dem Terroranschlag in den USA durch seine Warnung vor einem Kurssturz auf. In der Zwischenzeit finden die Argumente des Börsenpessimisten immer mehr Aufmerksamkeit.

HB DÜSSELDORF. Vor anderthalb Monaten machte Albert Edwards, Chefstratege von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DKW), Schlagzeilen. Der Experte der Investmentsparte der Dresdner Bank warnte vor einer "hohen Crash-Gefahr" an den Börsen. Als seine Prognose in einem Zeitungsbericht noch überspitzt wurde und der angeblich prophezeite Börsenkrach am 7. August ausblieb, erntete Edwards bissige Kommentare.

Doch nicht erst seit jüngsten Terroranschlägen gerieten die Börsen weltweit unter Druck. Bereits vorher sanken die Kurse kräftig. Grund genug, Edwards Argumente näher unter die Lupe zu nehmen. Das Londoner Strategieteam von DKW, das er leitet, beurteilt Aktien weiterhin skeptisch. "Wir warten auf Anzeichen für ein Ende des Gewinnrückgangs bei Unternehmen", sagt Edwards, "erst dann werden wir wieder aktienfreundlicher".

Der Pessimist rät, mehr Anleihen (45 %) als Aktien (40 %) im Depot zu halten - neun von zehn anderen Bankexperten empfehlen genau das Gegenteil. Mit seiner skeptischen Markteinschätzung befindet sich der Dresdner-Stratege inzwischen in guter Gesellschaft: Schon länger warnt Edwards auch Anlageexperte Barton Biggs von der Investmentbank Morgan Stanley vor überbewerteten Börsen. Auch der US-Stratege Douglas Cliggott von JP Morgan befürchtet seit Monaten Kursverluste an Wall Street. Kürzlich wechselte auch die Deutsche Bank ins Lager der Pessimisten.

Sieg über die Inflation stellt Börsen vor Probleme

Doch kaum ein anderer Stratege gibt Aktien in seinem Musterportefeuille ein so geringes Gewicht wie Dresdner-Mann Edwards. Und anders als die meisten Konkurrenten argumentiert er nicht primär mit kurzfristigen Konjunkturrisiken. Edwards Argumente basieren vielmehr auf einem langfristigen Börsenszenario, das er "Eiszeit" nennt. Dahinter steckt im Kern die Annahme, dass der Sieg über die Inflation die Börsen vor Probleme stellt.

Der jahrzehntelange Kampf gegen die Inflation ist im Moment gewonnen, meint Edwards. Das bringe neben vielen Vorteilen jedoch auch gravierende Probleme. "So lange die Inflation sank, war das für die Börsen fantastisch", sagt der Dresdner-Stratege, "aber jetzt, da wir in einer Welt mit niedriger Inflation angekommen sind, tauchen unangenehme Nebeneffekte auf".

Zum Beispiel fällt bei niedriger Inflation das Gewinnwachstum der Unternehmen geringer aus. Denn früher stieg allein durch die Geldentwertung der (nominale) Profit. Investoren müssen sich daran gewöhnen, dass Firmen leichter unter die Nulllinie beim Ertragszuwachs rutschen. Zudem konnten die Firmen bei steigenden Preisen leichter Preiserhöhungen durchsetzen. "Ohne Inflation haben die Unternehmen viel weniger Preismacht", sagt Edwards.

Als Beispiel für sein Eiszeit-Szenario nennt er Japan. Dort entstanden im Boom der 80er Jahre riesige Überkapazitäten, und die Erwartungen eilten der Realität noch weit voraus. Statt Inflations- belaste heute Deflationsdruck - also die Gefahr einer Spirale sinkender Preise - die Wirtschaft. Selbst mit ihrer Nullzinspolitik habe die Zentralbank die Konjunktur bislang nicht retten können. Denn wenn die Preise fallen, werden Güter immer billiger - und die Verbraucher haben Grund, ihr Geld zu horten, statt es auszugeben.

"Eine ähnliche Entwicklung könnte nun den USA drohen", sagt Edwards. Ein Stratege einer US-Investmentbank bezeichnet ihn als Paradiesvogel, der mit überspitzten, aber gut begründeten Positionen auffalle. Doch Edwards jahrealten Argumente scheinen aktueller denn je. So sorgt sich inzwischen auch Chefvolkswirt Stephen Roach von Morgan Stanley um die niedrige Preismacht der US-Unternehmen. Sie mache die Firmen in der aktuellen Konjunkturflaute viel verwundbarer als in früheren Rezessionsphasen. Nichts anderes meint sein Kollege Edwards mit seinem "Eiszeit"-Szenario.

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