Chefvolkswirt Issing sieht geringere Inflationsgefahren
EZB deutet Zinssenkung für Dezember an

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat signalisiert, ihren seit einem Jahr unveränderten Leitzins von 3,25 Prozent bald zu senken. "Der mittelfristige Inflationsausblick hat sich verbessert", sagte EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing der Nachrichtenagentur Bloomberg.

noh FRANKFURT. Die nach kontroverser Debatte im EZB-Rat am vergangenen Donnerstag getroffene Entscheidung, die Leitzinsen nicht zu senken, begründete Issing damit, dass der Ausblick "an diesem Tag noch nicht deutlich genug war, uns zu einer Zinssenkung zu veranlassen". Er fügte hinzu: "Lassen Sie uns abwarten und sehen, wie die Situation zum Beispiel Anfang Dezember ist."

Der EZB-Rat entscheidet am 5. Dezember das nächste Mal über den Leitzins. Einen Tag vor der letzten EZB-Sitzung hatte die US-Notenbank wegen der schlechten Wirtschaftsperspektiven eine deutliche Zinssenkung um 0,5 Prozentpunkte auf nur noch 1,25 Prozent beschlossen. Dass die EZB dennoch ihren Leitzins unverändert bei 3,25 Prozent beließ, hat ihr Kritik aus dem In- und Ausland eingebracht. Ihr wollte Issing jetzt offenbar den Wind aus den Segeln nehmen. Dennoch hielt die Kritik an der EZB-Zinspolitik auch am Dienstag an.

In Europa und Japan gebe es für die Geld- und Fiskalpolitik noch Spielraum, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, bemängelte US-Präsident George W. Bushs Chefwirtschaftsberater Glenn Hubbard. Die Europäer seien zu passiv, sagte er. Auch der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Klaus Zimmermann, bezeichnete die EZB-Politik als verfehlt. Er forderte eine Zinssenkung um einen Prozentpunkt binnen drei Monaten.

An den Finanzmärkten wird schon länger eine geldpolitische Lockerung erwartet, weil mit der Konjunkturflaute die Risiken für einen Inflationsanstieg schwinden. Diese Einschätzung wurde am Dienstag durch den unerwartet kräftigen Einbruch des ZEW-Konjunkturindikators für Deutschland von 23,4 auf 4,2 Punkte bestärkt. "Die Erwartungen signalisieren einen Sturzflug der Konjunktur in der ersten Jahreshälfte 2003", kommentierte der Chef der Mannheimer Konjunkturforscher, ZEW-Präsident Wolfgang Franz, den Indikatorwert.

Das Interview von Issing vermittle den Eindruck, dass "der EZB-Rat in der vergangenen Woche bereits eine Zinssenkung im Dezember beschlossen hat", sagte Analyst Holger Fahrinkrug von UBS Warburg. "Issings Bemerkungen sind ein Signal für eine Zinssenkung", sagte auch Stephan Rieke von der ING BHF Bank. Seiner Ansicht nach wird der EZB-Rat den Leitzins erst im Dezember senken, weil dann die neue - und wohl deutlich ungünstigere - halbjährliche Wachstumsprognose der Notenbank vorliegt. Während UBS Warburg eine kleine Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte für wahrscheinlich hält, rechnet Credit Suisse First Boston damit, dass die EZB den Leitzins im Dezember gleich um 0,50 Prozentpunkte senken wird.

Quelle: Handelsblatt

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