Chemie geht vor, andere werden folgen
Analyse: Der Abschwung hat die deutschen Unternehmen gepackt

Dass die New Economy kränkelt, wissen wir seit einem Jahr. Dass auch die klassische Wirtschaft eine Schwächephase durchmacht, erleben wir jetzt.

Dem Reigen der Quartalsergebnisse, die ab Juli anstehen, geht nun wie befürchtet eine Saison der Gewinnwarnungen voraus. Letzte Woche die Lufthansa, am Donnerstag BASF. Wenn in den nächsten Wochen ein Autobauer von schlechteren Aussichten berichtete, wäre das ebenso wenig verwunderlich wie bei einem Konsumgüterhersteller oder einem Elektrokonzern. Dafür, dass uns eine Reihe von Gewinnwarnungen ins Haus steht, spricht schon allein die Tatsache, dass die chemische Industrie im konjunkturellen Zyklus vorausläuft. Mit anderen Worten: Geht es der Chemie heute schlecht, folgen andere Branchen später.

Keine Frage: Der weltweite Konjunkturabschwung hat die deutschen Unternehmen gepackt. Stärker noch als in der Old Economy, wo immerhin noch vor sinkenden Gewinnen gewarnt wird, zeigt sich das in den Hochtechnologieunternehmen, die gleich Verluste ankündigen müssen. Der Halbleiterhersteller Infineon, der 2000 noch prächtig verdient hatte, erwartet nun beträchtliche Verluste für dieses Jahr - ganz zu schweigen von den einstigen Stars des Neuen Markts, deren Versprechungen in sich zusammengefallen sind wie Kartenhäuser.



Selbst der schwache Euro, der den deutschen Exportweltmeistern noch in den vergangenen Monaten auf die Sprünge half, kann es nicht mehr richten. Die US-Nachfrage kühlt zu stark ab, als dass deutsche Firmen noch bedeutend von dem Währungsvorteil profitieren könnten. Umgekehrt treiben steigende Energie- und sonstige Importpreise sowie höhere Löhne die Kosten, die die Unternehmen oftmals nicht - siehe BASF - an die Kunden weitergeben können.



Die Hoffnung, den US-Abschwung aus sicherer Entfernung und in geduckter Haltung halbwegs unbeschadet zu überstehen, hat sich nicht erfüllt. Die Erkenntnis über die Wucht des Abschwungs trifft die deutschen Wirtschaftsführer jedoch offensichtlich ziemlich unvorbereitet. Immerhin hatte BASF-Chef Jürgen Strube noch vor wenigen Wochen seine Prognosen für das laufende Quartal bekräftigt. Auch Infineon-Chef Ulrich Schumacher und Lufthansa-Kapitän Jürgen Weber mussten bass erstaunt ihre erst kürzlich erneuerten Gewinnschätzungen zu Makulatur erklären.



Die Aussichten sind nicht rosig. So ist fraglich, ob die einige Wochen alte These, dass der Tiefpunkt in der Gewinnentwicklung deutscher Unternehmen in diesem Quartal erreicht wird, angesichts der offenbar rasanten Abwärtsdynamik noch zu halten ist. Immerhin kann eine Branche wie der Maschinenbau derzeit nur auf Grund eines hohen Auftragsbestands dem Abschwung trotzen. Doch neue Aufträge sind Mangelware.



Jetzt sind die Unternehmer gefordert, in ihren Firmen ohne den Rückenwind der Konjunktur aus eigener Kraft den Umschwung zu schaffen. Dazu dürfen sie gerade jetzt ihre Investitionen nicht zu stark zurückfahren. Denn die deutsche Industrie hat seit Jahren einen beträchtlichen Investitionsrückstand gegenüber den Vereinigten Staaten in Sachen Informationstechnologie. Jede Mark, die hier investiert wird, bringt dringend benötigte Produktivitätszuwächse.



Zum anderen müssen die Firmenlenker die Möglichkeiten nutzen, die ihnen die Bundesregierung durch die Steuerbefreiung der Gewinne aus Unternehmensverkäufen eingeräumt hat. Tochtergesellschaften, die nicht mehr zur Ausrichtung eines Unternehmens passen, sind zu beiderseitigem Nutzen in anderen Händen besser aufgehoben. Auch in den verkauften Unternehmen setzt ein Eigentümerwechsel oftmals ungeahnte neue Energien frei.

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