Chemiebranche
Beiersdorf: Auf dem Präsentierteller

Der Verkauf des Nivea-Konzerns ist schwieriger als erwartet. Alles eine Preisfrage? Überreizt die Allianz?

Der Pfingstmontag war einer dieser Tage, an denen Rolf Kunisch sein Job so gar keinen Spaß mehr machte. Als der Vorstandschef der Beiersdorf AG am Morgen das Radio einschaltete, fiel ihm beinahe die Kaffeetasse aus der Hand. Der Nivea-Hersteller, meldete ein Hamburger Sender, werde für 13 Milliarden Euro an den französischen Kosmetikriesen L'Oréal verkauft. Die Meldung stimmte zwar nicht, hatte aber einen wahren Kern. Am Freitag vor Pfingsten war eine hochrangige Delegation aus Paris nach München zum Beiersdorf-Großaktionär Allianz gereist und hatte offiziell ihr Interesse an dem deutschen Konkurrenten bekundet. Sehr zur Freude von Allianz-Finanzchef Paul Achleitner, der die Perle Beiersdorf möglichst schnell verkaufen möchte.

Die Gründe liegen auf der Hand: Seit fast 70 Jahren ist der Versicherungskonzern an Beiersdorf beteiligt, Insidern zufolge steht der 44-Prozent-Anteil mit "nicht mehr als einer Milliarde Euro" in den Büchern - an der Börse ist er derzeit das Fünffache wert. Das wäre nicht nur ein hübscher Gewinn, den Achleitner nach derzeitiger Rechtslage sogar steuerfrei einstreichen könnte. Fünf Milliarden oder mehr geschickt am Kapitalmarkt angelegt bringen deutlich höhere Erträge als die 40 bis 45 Millionen Euro Dividende, die Beiersdorf seinem größten Aktionär jährlich überweist.

An Interessenten für das Aktienpaket mangelt es nicht. Vor allem die Marke Nivea würden die Konkurrenten von Henkel über Unilever bis Procter & Gamble nur zu gern unter die Fittiche nehmen. Im Bereich Haut- und Gesichtspflege sind die Produkte unangefochtener Marktführer in Europa, auch bei Sonnenmilch, Deos und Duschbädern liegt Nivea vor der Konkurrenz. Allein im vergangenen Jahr legte der Umsatz der Beiersdorf-Kosmetiksparte Cosmed um 14 Prozent auf 2,95 Milliarden Euro zu. Damit wuchsen die Hamburger doppelt so schnell wie der wichtigste Wettbewerber L'Oréal.

Preisvorstellungen der Allianz

Seit Monaten liegt Beiersdorf nun schon auf dem Präsentierteller - doch passiert ist bisher wenig. Keine offiziellen Verhandlungen, stattdessen nur regelmäßig neue Gerüchte. "Wir Beiersdorfer haben gelernt, mit der Unsicherheit zu leben", sagt Vorstandschef Rolf Kunisch im WirtschaftsWoche-Gespräch (siehe auch unser Interview und Grafik).

Eines der Haupthindernisse ist Insidern zufolge die exorbitante Preisvorstellung von Allianz-Vorstand Achleitner. Intern habe sich der ehemalige Investmentbanker bereits festgelegt: 200 Euro pro Beiersdorf-Aktie will er haben, heißt es in Finanzkreisen. Das entspräche einem Unternehmenswert von mehr als 16 Milliarden Euro, knapp 50 Prozent mehr als der aktuelle Wert an der Börse. "Alles kreist um diese Zahl", sagt ein Frankfurter Investmentbanker. "Aber die rechnet sich für keinen der Käufer." "Bei solchen Preisvorstellungen kommen wir nicht zueinander", heißt es beim Kaffeeröster Tchibo, der seinen 30-Prozent-Anteil bei Beiersdorf gern zur Mehrheitsbeteiligung aufstocken würde.

Der Bieterwettstreit ist sehr zum Leidwesen der Allianz bisher noch nicht ausgebrochen. Für den Henkel-Konzern ist der gemessen an der Marktkapitalisierung doppelt so große Konkurrent aus Hamburg schlicht eine Nummer zu groß. Zwar ist es das erklärte Ziel der Düsseldorfer den eigenen Körperpflegebereich (Schauma, Fa) zu verstärken, doch einen zweistelligen Milliardenbetrag, der leicht fällig werden könnte, weil der Käufer des Allianz-Anteils nach dem neuen Übernahmegesetz auch den übrigen Aktionären ein Abfindungsangebot machen muss, kann das Unternehmen nicht aufbringen. "Beiersdorf ist zu teuer", so Henkel-Finanzchef Jochen Krautter.

Unilever hat eigene Marken

Ähnlich ist die Lage für Unilever-Chef Antony Burgmans. Nach Übernahme des US-Foodriesen Bestfoods Ende 2000 drückte den Konzern ein Schuldenberg von 26 Milliarden Euro. "Vorerst haben wir genug gekauft", sagte Burgmans Anfang des Jahres. Zudem hat Unilever in der Vergangenheit Millionen in den Aufbau der eigenen Körperpflegemarke Dove gesteckt. "Nivea ist für Unilever kein Muss", sagt Marc Nettelbeck, Analyst bei der BW-Bank.

Für L'Oréal dagegen wäre Nivea die ideale Ergänzung. Die Franzosen sind mit Marken wie El Vital oder Garnier vor allem in der Haarpflege stark; Nivea bei der Hautpflege. Finanziell plagen die Franzosen auch keine Sorgen: Die Schulden machen gerade einmal 12,6 Prozent der Eigenmittel aus, die 13 Milliarden Euro, die Konzernchef Lindsay Owen-Jones dem Vernehmen nach für Beiersdorf zu zahlen bereit ist, könnte das Unternehmen problemlos aufbringen. "Unsere Bilanz ermöglicht uns eine bemerkenswerte Feuerkraft", prahlt Finanzchef Michel Somnolet. Hinzu kommt: Anders als etwa Tchibo ist L'Oréal in der Lage, einen strategischen Preis zu bezahlen, weil sich ein Teil der Kaufsumme durch Synergien mit Beiersdorf wieder hereinholen ließe.

Als mögliches Hindernis für die Franzosen könnte sich aber das Kartellrecht erweisen. In vielen Märkten, in denen Nivea Marktführer ist, liegt ein L'Oréal-Produkt auf Platz zwei - und umgekehrt. Ebenfalls kitzlig würde die Lage in einigen Bereichen, wenn der Käufer Procter & Gamble hieße. Zusammen mit Nivea würde die US-Marke Oil of Olaz ebenfalls auf einen Marktanteil von mehr als 30 Prozent kommen. Im Fall Johnson & Johnson kämen mit Hansaplast und Band-Aid die zwei größten Pflasterhersteller der Welt zusammen.

Hoffnung auf Großaktionär Tchibo

In Hamburg ruhen alle Hoffnungen auf dem langjährigen Großaktionär Tchibo, der die Unabhängigkeit des Unternehmens sicherstellen würde. Denn eines ist klar: Sollte einer der großen Konkurrenten das Kommando in Hamburg übernehmen, würde die Verwaltung drastisch verkleinert, die Forschungsabteilungen zusammengelegt, tausende Arbeitsplätze abgebaut.

Durch die gerade veräußerte Mehrheitsbeteiligung am Tabakkonzern Reemtsma hätte Tchibo das nötige Kleingeld. Doch bisher gibt es zwischen den beiden Großaktionären, deren Vertreter seit Jahrzehnten gemeinsam im Aufsichtsrat des Kosmetikkonzerns sitzen, noch nicht einmal offizielle Gespräche, geschweige denn ein konkretes Angebot. Die beiden Brüder und Tchibo-Großaktionäre Michael und Günter Herz haben seit Monaten kein Wort miteinander geredet - während L'Oréal bereits in München seine Vorstellungen präsentierte.

Das soll sich ändern: Am 1. Juli tritt mit Reinhard Pöllath - im Hauptberuf Anwalt - erstmals seit Jahren ein Mann an die Tchibo-Spitze, der das Vertrauen beider Herz-Brüder hat. Unmittelbar im Anschluss sollen die Gespräche mit der Allianz beginnen, "An Tchibo führt kein Weg vorbei", ist sich ein Beiersdorf-Manager sicher. "Hoffnunglos ist die Lage nicht."

Es sei denn, einer der Großkonzerne wie L'Oréal oder Johnson & Johnson entscheidet sich doch noch, Achleitners Spiel mitzuspielen und aggressiv mitzubieten. Gegen die geballte Finanzkraft der Multis hätte Tchibo keine Chance. Die Hamburger könnten dann nur noch in die Rolle des Spielverderbers schlüpfen und mithilfe ihrer Sperrminorität die vollständige Integration von Beiersdorf in die neue Gesellschaft verhindern. Oder das zu erwartende Abfindungsangebot der neuen Herren annehmen und wie die Allianz Kasse machen.

Michael Baumann/New York, Mario Brück, Claus Gorgs, Lothar Schnitzler/Paris

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