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Chemieindustrie muss Erholung vertagen

Der Chemiebranche geht nach zwei hoffnungsvollen Quartalen offenbar wieder die Luft aus. Das signalisiert der US-Konzern Dow mit einer Gewinnwarnung. Vor allem hohe Rohstoffkosten sorgen für neuen Druck.

HB FRANKFURT/MAIN. Die Ertragswende in der Chemieindustrie gerät zusehends ins Stocken. "Die Situation ist nach wie vor unsicher und fragil", sagte Michael Parker, der Chef des US-Konzerns Dow Chemical, im Gespräch mit dem Handelsblatt. Eine spürbare Erholung erwartet er frühestens von 2003 an.

Dow Chemical hatte am Mittwoch seine Ertragsprognose für das beendete dritten Quartal deutlich reduziert, und damit die wachsende Skepsis der Finanzmärkte gegenüber dem Chemiesektor bestätigt. Statt der bisher erwarteten 29 Cents je Aktie wird Dow voraussichtlich nur einen Gewinn in der Vorjahreshöhe von 16 Cents je Aktie ausweisen. Noch im Juli hatte der Konzern deutliche Verbesserungen in Aussicht gestellt. Der Aufwärtstrend aus dem ersten Halbjahr ist damit offenbar zum Stillstand gekommen. Als Hauptursache nennt der zweitgrößte Chemiekonzern der Welt steigende Öl- und Gaspreise, vor allem in Europa. Der hohe und zum Teil stark schwankende Ölpreis mache es "sehr schwierig, die Margen zu managen", so Parker.

Nachdem in den vergangenen Wochen bereits mehrere US-Rohstoff- und Chemiefirmen, darunter Rohm & Haas und Eastman, ihre Prognosen revidiert hatten, kam die Dow-Warnung für viele Analysten nicht mehr völlig überraschend. Dennoch gab der Kurs des Chemieriesen um mehr als 8% nach. Auch andere Chemiewerte gerieten unter Druck. Sie konnten sich am Donnerstag aber teilweise wieder etwas erholen, nachdem der US-Konzern Dupont bessere Quartalszahlen als erwartet ankündigte. Allerdings profitiert Dupont vor allem von niedrigeren Steuerzahlungen. Zudem ist dieser Konzern weniger stark vom Ölpreis und dem Geschäft mit Basischemikalien abhängig als etwa Dow oder BASF.

Analysten sorgen sich unterdessen nicht nur um den Ölpreis. "Auch die Nachfrage nach Chemieprodukten entwickelt sich schlechter als erwartet", vermutet Chemieexperte Harald Gruber von WestLB Panmure. Im vierten Quartal werde die Situation wohl noch wesentlich schwieriger.

Dow-Chef Parker rechnet mit erneuten Einbruch


Dow-Chef Parker verweist auf eine relativ schwache Konjunktur in Europa und Japan. Gleichzeitig sei die Erholung in den USA nicht so stark ausgefallen wie erwartet. Nach wie vor rechne man nicht mit einem erneuten Einbruch oder einer "Double-Dip-Rezession". Man gehe vielmehr davon aus, dass sich die Situation von 2003 an graduell verbessern werde.

Die Chemiebranche ist mit einem Auf und Ab bei Auslastung, Margen und Absatzmengen seit langem vertraut. Sieben bis acht Jahre liegen normalerweise zwischen den jeweiligen Spitzen der Chemiekonjunktur. Der aktuelle Zyklus werde jedoch eher zehn Jahre dauern, schätzt Parker. Eine neues Hoch für die Chemie könnte sich damit bis ins Jahr 2005 oder 2006 hinauszögern. Ihren bisherigen Tiefpunkt erlebte die Branche im 4. Quartal des vergangenen Jahres. Seither haben sich die Margen von einem extrem niedrigen Niveau aus wieder verbessert, was zum Beispiel auch bei der BASF für deutlich bessere Halbjahreszahlen gesorgt hatte. Allerdings beruhte die Erholung teilweise auch darauf, dass Verarbeiter von Kunststoffen und Chemikalien ihre Läger wieder auffüllten. Dieser Prozess scheint nun beendet.

Kapazitätsauslastung in der Großchemie unbefriedigend


Die Kapazitätsauslastung in der Großchemie bleibt damit vorerst unbefriedigend. Bei Dow stieg sie im ersten Halbjahr von etwa 72 % auf knapp 80 %, konnte seither aber nicht mehr verbessert werden. Im September war sie nach den Worten Parkers "etwas schwächer als wir erhofft hatten."

Der Dow-Chef geht davon aus, dass sich unter dem Druck der schwachen Margen die Konsolidierung in der Chemieindustrie fortsetzen wird. Der US-Konzern selbst will sich mit weiteren Übernahmen jedoch vorerst zurückhalten und nur noch ganz selektiv zukaufen.Vorrangiges Ziel sei es nunmehr, den Schuldenanteil an der Bilanzsumme wieder deutlich von gut 50 auf etwa 40 % zu reduzieren, betonte Parker.

In den beiden Vorjahren hatte der Konzern durch die Übernahme von Union Carbide und einer Reihe weiterer Transaktionen insgesamt rund 9 Mrd. $ Umsatz zugekauft, dabei aber auch seine Verschuldung auf mehr als 10 Mrd. $ ausgeweitet. Zudem hat er sich mit Union Carbide eine Reihe von Asbestklagen eingehandelt. Sie sorgen für zusätzliche Unsicherheit, obwohl laut Dow drohende Ansprüche weitgehend durch Versicherungen gedeckt sind.

Quelle: Handelsblatt

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