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China hautnah

Als ich noch in London lebte, habe ich mich oft gefragt, wie das wohl für Film- oder Fußballstars sein muss, wenn sie bei jedem Schritt und Tritt von einer knipsenden Reporterhorde begleitet werden.

Als ich noch in London lebte, habe ich mich oft gefragt, wie das wohl für Film- oder Fußballstars sein muss, wenn sie bei jedem Schritt und Tritt von einer knipsenden Reporterhorde begleitet werden. Das wahre Beckham-Feeling werde ich nicht mehr erleben, dafür reichen weder Aussehen noch fußballerische Fähigkeiten. Aber in China bekomme ich eine Ahnung, wie es ist, sich ständig großer öffentlicher Aufmerksamkeit zu erfreuen - ob im Zug, beim Einkaufen, im Park oder am Strand.

Langnasen sind im Reich der Mitte schnell im Mittelpunkt.Vor allem aber kleine Kinder aus dem Westen, zumal wenn sie fröhlich und strohblond sind. Wo unsere Kleinfamilie auch auftaucht, es verrenken sich die Hälse. Vor ein paar Tagen fuhr ein alter Mann mit seinem Rad auf ein parkendes Taxi, weil er den Blick einfach nicht von unserer krähenden Tochter lassen konnte. Es passierte ihm nichts, Gott sei Dank!

Natürlich sind Ausländer auch in China keine Seltenheit mehr. Städte wie Schanghai sind so modern und international wie London oder Frankfurt. Doch jeden Wandel und jede Revolution hat im Reich der Mitte eine chinesische Eigenschaft überlebt - eine stark ausgeprägte Neugier. Zudem haben Chinesen überhaupt kein Konzept von Privatsphäre. So kriechen sie fast in den Kinderwagen, diskutieren offen unsere Hautfarbe oder darüber, ob denn nun die Kleine zu warm oder zu dünn angezogen ist.

Übrigens hat China nicht nur weibliche Kinderfans. Ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, Opas, Omas, Familien, Singles - wenn wir nur kurz vor einem Schaufenster oder einem Supermarktregal verharren, sind wir sofort umringt vom winkenden, lachenden, streichelnden und unentwegt fotografierenden Schwarm. So viel Völkerfreundschaft kann, ehrlich gesagt, manchmal ziemlich nervig sein. Kinder quängeln, Eltern müde, kein Brot im Haus - also mal eben los zum Laden um die Ecke. Und schon bereut man es.

Doch es ist nicht nur die offene Neugier und eine uns doch eher fremde Aufdringlichkeit. China ist einfach wahnsinnig kinderfreundlich. Hier vergisst man all die muffelnden, mürrisch schauenden Mitreisenden im ICE-Abteil, die wir noch im Sommer in Deutschland genießen durften, weil wir es wagten mit zwei fröhlichen Kindern im Abteil Platz zu nehmen. Vergessen auch die bösen Blicke, wenn man der Einjährigen mal eben in einer einsamen Ecke eines Rastplatzes die Windel wechseln muss.

In China gibt es das nicht. Und das ist toll. Eine dreistündige Zugfahrt wird im Reich der Mitte zum fröhlichen Familienerlebnis, bei dem am Ende der gesamte Großraumwagen Freundschaft schließt. In China sind Kinder wichtig. Der Nachwuchs ist hier wertvoll und keine Last. Kinder sind der Mittelpunkt. Und nicht nur, wenn sie weiße Haut und strohblonde Haare haben. Aber dann ganz besonders!


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