China ist die Wachstumsinsel
Ostasien sucht neue Wachstumssignale

Die Wachstumskrise in den Industrieländern trifft die asiatischen Tigerstaaten in einem ungünstigen Moment. Auch ohne Krieg und Terroranschläge zeigen die Konjunktursignale seit Monaten eher nach unten als in Richtung Wirtschaftsbelebung. Nur China präsentiert sich als Wachstumsinsel der Region.

Für wirksame Konjunkturprogramme fehlt den Schwellenländern in Fernost das Geld

HONGKONG. Die Terroranschläge in den USA und der Afghanistan-Krieg haben das ohnehin frostige Wirtschaftsklima in Fernost erheblich verschlechtert. "Eine Konjunkturerholung wurde um mindestens sechs Monate nach hinten verschoben, vielleicht sogar um neun," meint Masahiro Kawai, Chefökonom der Weltbank für die Asien-Pazifik-Region. Er prophezeit, dass das Wirtschaftswachstum in den asiatischen Industrieländern Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan in diesem Jahr um 0,8 % schrumpft, nach einem Wachstum von 8 % im Vorjahr. In den Schwellenländern der Region soll sich das Wachstum von 7,3 % auf 4,6 % verlangsamen. Als Folge steigt die Arbeitslosigkeit.

Aus eigener Kraft kann Asien die Kehrtwende nicht gelingen. Der Kontinent lebt von Exporten. Wie kein anderer hängt er am Tropf der US-Nachfrage, besonders nach Elektronik. Doch seit Jahresanfang brechen diese Exporte rasant ein. Nun wackelt mit der amerikanischen Verbrauchernachfrage auch der letzte Stützpfeiler. Die Ausfuhrkrise hatte Taiwan und Singapur bereits vor den Anschlägen in die Rezession gezwungen; Hongkong und Japan dürften diesem Schicksal nicht entrinnen. Malaysia muss sich auf Stagnation einstellen, Südkorea und Thailand winkt minimales Wachstum.

Auch China legt schwache Zahlen vor

Selbst China, der unangefochtene Wachstumsstar der Region, hat mit 7 % BIP-Wachstum im dritten Quartal die schwächsten Zahlen seit zwei Jahren vorgelegt. Dabei gilt das Land der Mitte unter Volkswirten weltweit als konjunkturelle Wachstumsinsel der Seligen. Die milliardenschweren Ausgabenprogramme der Regierung greifen, die Inlandsnachfrage ist stabil. Damit dem so bleibt, wurde dem Heer der Staatsdiener gerade 15 % mehr Lohn bewilligt. Außerdem machen Ausfuhren in China nur 20 % des BIP aus. In Singapur, das wie kein anderes asiatisches Land unter dem Konjunkturtief leidet, sind es über 50 %.

Der Transmissionsriemen, über den Asien die Auswirkungen der Konjunkturabkühlung zu spüren bekommt, lässt sich am Beispiel des Stadtstaats gut studieren: Singapur legte gerade die schlechtesten Wirtschaftsdaten seiner Geschichte vor. Im dritten Quartal brachen die Nicht-Öl-Ausfuhren um 30 % weg, die Elektronik-Exporte um 39 %, die Halbleiterausfuhren sogar um 61 %. Das BIP schrumpfte um 5,6 %.

Wachstumsprognosen für diese Länder gesenkt

Ohne die Initialzündung eines Wachstumsschubs aus den USA wird Asiens Konjukturmotor weiter stottern. Denn wirtschaftspolitisch haben die meisten Länder der Entwicklung wenig entgegenzusetzen: Die hohe Staatsverschuldung verbietet massive Konjukturprogramme in Japan, Indonesien, Thailand und den Philippinen. Die Regierungen in Seoul, Taipei und Singapur öffnen zwar ihre Kassen. "Aber Ausgabenprogramme in einem Maß, das nötig wäre um das alte Wachstum zurückzubringen, sind schlicht unmöglich," sagt Michael Spencer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Asien. Die Zinsen lagen in der Region bereits vor den Anschlägen auf historischen Tiefstständen. Deshalb erwartet Spencer nur noch kleine geldpolitische Lockerungen - ohne große Folgen. Der Volkswirt hat seine Wachstumsprognosen für die Länder der Region Mitte September im Durchschnitt um 1 % gesenkt. "Die Hälfte davon geht aufs Konto der Terroranschläge," erläutert er. Eine Herabstufung um 0,5 % hätte auch ohne Terror angestanden.

Mit einer Stabilisierung der Ausfuhren und der Konjunktur rechnet Spencer frühestens zum Jahresende. Dann hofft er auf ein Ende der Pein: Durch die Zins- und Steuersenkungen in den USA sieht der Analyst spätestens für Mitte des kommenden Jahres einen ordentlichen Export- und Wachstumsstoß, von dem besonders die Länder profitieren würden, die derzeit am härtesten betroffen sind. Allerdings gilt diese rosige Prognose nur für den Fall, dass der Afghanistan-Konflikt nicht ausufert.

Für Japan bleibt die Lage aber weiter düster: Das Land dürfte auch noch nächstes Jahr in einer Rezession schmoren, erwarten Volkswirte. Und eine Bankenkrise, die mit der Verstaatlichung von Finanzinstituten enden könnte, halten immer mehr Analysten für wahrscheinlich. Die verschlechterte Wirtschaftslage könnte außerdem die überfälligen Reformen verwässern. "Die Terroranschläge und ihre wirtschaftlichen Folgen haben die politische Rückendeckung für Koizumis Reformagenda geschwächt," meint Spencer. "Mit seinen versprochenen Reformen wird der Regierungschef nicht so schnell durchkommen."

Auch Asiens Versicherungsunternehmen stöhnen. Sie sind von den Schäden der Terroranschläge in den USA nicht direkt betroffen. Aber der dramatische Einbruch der Aktienmärkte, wo ein Großteil ihres Kapitals angelegt ist, bringt sie in Bedrängnis. Von höheren Versicherungsprämien können sie nicht profitieren. "Allgemeinversicherer in Asien dürften ihre Prämien als Resultat der Anschläge kaum erhöhen können," meint deshalb Robert Conlon, Chief Investment Officer bei Investec Asset Management in Hongkong.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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