China lockt die Anleger
Aktien aus dem Reich der Mitte

China ist in aller Munde. Das bevölkerungsreichste Land der Welt öffnet sich dem Westen, und die Konjunktur kommt nach mehreren schwierigen Jahren wieder unter Dampf. Seitdem die Abkommen über den Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO unter Dach und Fach sind, beflügelt das Land der Mitte die Phantasie ausländischer Investoren. Der WTO-Beitritt gegen Ende des Jahres wird eine Investitionswelle auslösen und einen Wirtschaftsboom entfachen, erwarten Banker.

Nicht nur die Zukunft, auch aktuelle Daten geben den Optimisten unter den China-Analysten reichlich Nahrung: In der ersten Jahreshälfte legte das Bruttoinlandsprodukt um 8,2 Prozent zu, die Exporte stiegen sogar um 45 Prozent auf 114,5 Milliarden US-Dollar, was wiederum die Gewinne vieler Unternehmen nach oben treibt. Anlageprofis sehen China deshalb zurzeit als eines der aussichtsreichsten Schwellenländer für Investoren. Eine Merrill-Lynch-Umfrage unter Fondsmanagern kommt zu dem Schluss, dass 56 Prozent von ihnen sehr optimistisch sind, was die Investmentaussichten dort angeht - kein anderes asiatisches Land kann sie derzeit so begeistern.

Bei den Top-Unternehmen des Landes rechnet Billy Chan für die kommenden 18 bis 20 Monate mit kräftig sprudelnden Gewinnen. Der Investment-Direktor der Fondsgesellschaft Invesco Asia zeichnet für den Invesco GT Greater China Opportunities Fonds verantwortlich (siehe Tabelle). Als stark unterbewertet - und daher kaufenswert - stuft der Fondsmanager unter anderem China Southern Airlines und das Chemieunternehmen Yizheng Chemical Fibre. Unter den Wachstumswerten erwartet er von Chinas zwei Mobilfunkern Kursgewinne. Ausreichend Wachstumspotenzial gebe es im Reich der Mitte schließlich für beide Unternehmen. "Halte China Mobile und China Unicom, und am Ende hast du gut lachen", lautet seine Devise. China Mobile, China Southern Airlines und China Unicom bilden die größten Positionen in seinem Fonds. Dann folgt der Ölkonzern Petrochina - "ein gutes Unternehmen", von dem sich der Fondsmanager aber nach dem Kurssprung um 60 Prozent seit April keine spektakulären Gewinne mehr verspricht.

Nach Einschätzung von Charles Cheung, China-Analyst bei Salomon Smith Barney, haben sich die positiven Nachrichten über den WTO-Beitritt noch nicht bei allen Aktien im Preis niedergeschlagen. Er rät Anlegern daher zum baldigen Einstieg. In etwa zwölf Monaten rechnet Cheung mit Höchstkursen. Erst dann werde es Zeit, Gewinne mitzunehmen. Der Analyst sieht die Technologiewerte als "Juwel in Chinas Krone". Starke Fundamentaldaten, gutes Management, Dominanz auf dem Inlandsmarkt, die Erwartung kräftiger Gewinnzuwächse machen diese Werte für ihn interessant, obwohl Titel wie der Computerhersteller Legend und China Mobile bereits sehr hoch bewertet sind. Besonders die Elektronikhersteller Legend (Neun-Monats-Kursziel 11 HK-Dollar), Great Wall (11,70 HK-Dollar) und TCL (3,50 HK-Dollar) haben es Cheung angetan. Ihm zufolge werden sie am meisten von der steigenden Inlandsnachfrage und vom Internetboom in China profitieren. Seine Top-Favoriten unterteilt Cheung in zwei Kategorien: zum einen in bekannte Großkonzerne mit hoher Liquidität wie China Mobile (Kursziel 85 HK-Dollar), Legend und Petrochina (1,82 HK-Dollar). Zum anderen in Aktien der "zweiten Reihe" wie etwa die Stromproduzenten Beijing Datang Power und die in den USA gelistete Huaneng Power. Beide Unternehmen expandierten stark und profitierten vom Wirtschaftsaufschwung.

Auf Beijing Datang setzt auch Lawrence Ang, Leiter China Research bei der Deutschen Bank in Hongkong. Sein Zwölf-Monats-Kursziel für die Aktie lautet: 2,87 HK-Dollar. Von dem Stromproduzenten Shandong International Power erwartet Ang ebenfalls gute Kursgewinne. Als interessant stuft der China-Experte des Weiteren Transportwerte ein. Diese würden von dem Reise- und Exportboom, der nach dem WTO-Beitritt zu erwarten sei, am stärksten profitieren. Neben China Southern Airlines rät Ang zum Aktienkauf der beiden Autobahngesellschaften Shenzhen Expressway und Zhejiang Expressway. Positiv sieht er auch Denway Motors. Diesem Unternehmen gehören 48 Prozent an einem Joint Venture mit Honda. "Im März 1999 begann dort die Produktion. Im August schrieben sie schwarze Zahlen. Das ist Weltrekord", schwärmt Ang.

Bei aller Euphorie: In China gehen Anleger beträchtliche Risiken ein. Salomon Smith Barney kommentiert seine Aktienempfehlungen für das Reich der Mitte mit der ausdrücklichen Warnung: "Hohes Risiko". Lawrence Ang von der Deutschen Bank warnt vor Währungsrisiken, Steuererhöhungen und dem harten Wettbewerb, dem sich chinesische Unternehmen nach dem WTO-Beitritt gegenübersehen. Die Liberalisierung des Landes könne kurzfristig zu sozialen Verwerfungen führen und die politische Stabilität ins Wackeln bringen. An einer sorgfältigen Auswahl unter den rund 1 000 börsennotierten Unternehmen des Landes führt für Anleger deshalb kein Weg vorbei.

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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