China
Meister der Bescheidenheit

Chinas neuer Parteichef Hu Jintao ist durch Loyalität und taktische Raffinesse an die Spitze gekommen. Jetzt muss er Reformen gegen die alte Garde durchsetzen.

Am 19. Februar 1997 stieg ein chinesisches Flugzeug mit ganz besonderer Fracht in den Himmel über dem Gelben Meer auf. An Bord befand sich die Asche von Deng Xiaoping, Chinas großem Reformvater. Lediglich ein Passagier in der Maschine gehörte nicht zu Dengs engstem Familienkreis, der die Asche des Verblichenen über dem Ozean östlich von Peking verstreuen wollte: Hu Jintao, 59, der heute die Führung der letzten großen Kommunistischen Partei der Welt übernehmen wird.

Mit Chinas "großem Steuermann", Altrevolutionär, Poet, Staatsgründer und Deng-Vorgänger Mao Zedong, hat Hu Jintao nicht mehr viel gemein. Hu steht für ein China, das einen enormen gesellschaftlichen Wandel bewältigen muss. Kein Wunder, dass Hu weniger Visionär, schon gar kein Ideologe, sondern ein nüchterner, stiller Bürokrat ist. Allerdings ein taktisch cleverer - und ein attraktiver dazu: In der Jugend bekam er einen Spitznamen aus der Peking-Oper verpasst: "Hübscher und geistreicher Xiaosheng."

Seine Geistesblitze behält er jedoch weitgehend für sich. "Selbst diejenigen, die mit ihm arbeiten, haben keine Ahnung, was er denkt", sagt ein europäischer Diplomat in Peking. "In diesem System bringen Sie es nur zu etwas, wenn Sie keine Initiative ergreifen", weiß ein Pekinger Wissenschaftler.

Zufall oder nicht, er fiel im entscheidenden Moment immer positiv auf. "Dieser Hu Jintao ist ganz und gar nicht verkehrt", sagte Deng, als er den jungen Wasserbauingenieur bei der Inspektion eines Kraftwerkes am Gelben Fluss zu Beginn der achtziger Jahre kennen lernte. Eine Begegnung mit Folgen. Hu wurde zu einem Kurs für politische Spitzenkräfte an die ZK-Parteischule in Peking beordert. Deng blieb sein Mentor: 1992 schickte er den damals 49-Jährigen als jüngstes Mitglied in den Ständigen Ausschuss des Politbüros, Chinas Machtzentrum. Ein erstes Signal, dass er Großes mit ihm vorhatte.

Zuvor wirkte Hu in Chinas Armenhäusern, in Guizhou und in Tibet als Parteichef. In Lhasa machte er 1989 Schlagzeilen, weil er nach Verhängung des Kriegsrechts das Militär gegen aufständische Mönche einsetzte. "Er verdient seinen Ruf als moderater Mann nicht", urteilt die Free Tibet Campaign. Neun Jahre später wurde er Vizepräsident. Und im März 2003, wenn der Nationale Volkskongress auch im Staatsapparat den Generationswechsel vollzieht, wird Hu Chinas erster Präsident, dessen Ernennung aus einem freiwilligen und mehr oder minder geordneten Machtübergang herrührt.

Ganz nach oben gelangt Hu jedoch nicht durch Skrupellosigkeit und Patronage. Seinen langen Marsch an die Spitze verdankt er im Wesentlichen zwei Eigenschaften: Loyalität und Unauffälligkeit. Als er in Peking einmal an einer Konferenz teilnahm, mahnte er Journalisten, nur ja nicht über ihn zu berichten: "Um keine unnötigen Probleme heraufzubeschwören." "Hu ist ein typisches Produkt des kommunistischen Systems", sagt ein chinesischer Wissenschaftler. "Er ist sehr smart und versteht es, die politischen Winde zu lesen." Das sehen auch ausländische Beobachter so. "Seine größte Gabe ist die Fähigkeit, gleichzeitig die Linken und die Rechten zu beeindrucken und genau dann befördert zu werden, wenn sich seine Gegner an die Gurgel gehen", sagt Murray Scott Tanner, Sinologe an der Universität von Michigan.

Hu hat jedoch auch Grundsatzkonzepte erarbeitet; so war er maßgeblich daran beteiligt, die Partei für neue Mitglieder zu öffnen.

Nur einmal wurde er einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Am 9. Mai 1999 gab Hu Jintao Chinas Entsetzen über die Bombardierung seiner Botschaft in Belgrad im staatlichen Fernsehen ein Gesicht. Dem Mann mit dem exakt gescheitelten schwarzen Haar und der feinen Goldrandbrille fiel eine heikle Mission zu: Er sollte den Demonstranten vor den Botschaften der USA und Großbritanniens in Peking Solidarität zeigen, zugleich aber dafür sorgen, dass die Hitzköpfe nicht über die Stränge schlagen. Kurz nach seiner Rede flauten die Proteste ab, Hunderte aufgebrachter Studenten packten Fahnen und Banner ein und zogen brav in ihre kargen Unterkünfte ab.

Diplomatische Raffinesse und geschicktes politisches Taktieren wird Hu auch in der neuen Funktion gut gebrauchen können. Er muss die Partei modernisieren, ohne die immer noch mächtigen Vertreter der alten Generation gegen sich aufzubringen. Er muss mehr Demokratie wagen, ohne das Monopol der Partei zu gefährden. Dass er der mächtigen "Schanghai-Fraktion" nicht angehört, macht es ihm schwer. Der Einfluss der Clique rund um den jetzigen Präsidenten Jiang Zemin wächst in der neuen Führung noch. Jiangs Protegés besetzen mindestens vier der sieben Plätze im Ständigen Ausschuss des Politbüros.

Hu muss also das Kunststück fertig bringen, aus dem Schatten Jiangs herauszutreten, ohne ihn zu verprellen. Hu, der "Meister der Bescheidenheit", wird in der ersten Phase seiner Regierungszeit womöglich nicht viel bewegen können. Jiang hat unter dem gläsernen roten Stern an der Decke in der Halle des Volkes in Peking vorsorglich eine drastische Warnung ausgesprochen: Der KP droht eine Spaltung, falls es zu Grabenkämpfen zwischen den Fraktionen kommt.

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