China
Mit Volk, Partei und BMW für Olympia

Die chinesische Regierung lässt vor den Olympischen Spielen die Plakatwände mit Propaganda vollpflastern. Die Werbung für die Kommunistische Partei und die kleingedruckten Moralvorschriften stoßen in der Bevölkerung auf ungewöhnliche Resonanz.

PEKING. Der Appartementkomplex Jiqingli ist ein Neubau in bester Pekinger Lage. Hier lebt Chinas Mittelstand, auf dem Parkplatz stehen VWs und im Innenhof Parkbänke. Dass hier abends ein Werbeplakat für einen BMW-Sportwagen angestrahlt wird, verwundert darum nicht. Das Bild zeigt lachende Spaziergänger und ein von Florida-Palmen umranktes Wohnhaus. Chinas Traum vom Wohlstand.

Doch was wie eine etwas kitschige Autowerbung aussieht, ist pure Politpropaganda: "Mit dem Volk und mit der Partei gründen wir gemeinsam eine harmonische Gesellschaft", steht in dicken Lettern über dem flotten BMW. Aus der Münchner Konzernzentrale stammt der Slogan sicher nicht. Nach zehn Sekunden rotiert die Werbung in dem flachen Glaskasten. Sichtbar wird nun der Himmelstempel in Peking und die Olympia-Parole: "Eine Welt, ein Traum".

Überall in Peking taucht seit einigen Monaten auffallend oft Werbung der Kommunistischen Partei (KP) Chinas auf. Ob an Telefonzellen, U-Bahnstationen, auf Gehwegen und in Gebäudeeingängen - die Plakate propagieren mal die "harmonische Gesellschaft", mal zeigen sie Vorbildkader - und immer wieder marschieren Parteijugend oder Soldaten mit zünftigen Sprüchen für die Sommerspiele. "Alle Soldaten heißen Olympia willkommen und schlagen ein neues Kapitel der Geschichte auf", heißt es etwa in der Nähe des Pekinger Chaoyang-Tors. Dazu ist das riesige Bild des neuen Olympiastadions zu sehen.

Aber es werden auch Plakate mit viel Kleingedrucktem geklebt. Es sind Moralvorschriften in symmetrischer Prosa, langwierige Erklärungen zu neuen Gesetzen und Mahnungen des Sicherheitsdienstes. Und bisweilen kommt die Olympia-Botschaft mit Reklame für Wurst oder Hautcreme daher. Da wird dann neben dem Bild einer chinesischen Hausfrau zum freiwilligen Einsatz bei den Spielen aufgerufen.

Chinas Moralkampagne zu den Sommerspielen verdeutlicht eindrucksvoll und bisweilen amüsant den paradoxen Widerspruch zwischen Konsum und Kommunismus, Altertum und Moderne, Ost und West. Die Chinesen sind diese Art der Parteiwerbung, die unter Mao als "biaoyu" das ganze Land zupflasterte, allerdings gewohnt. Schon in den 1920er-Jahren wurden biaoyu erstmals von der Politik instrumentalisiert.

Damals wurden auf Tafeln im Pekinger Zentralpark, nahe des Tiananmen-Platzes, ein gesundes Leben, sportliche Betätigung und gutes Benehmen angemahnt. Nicht nur konfuzianische, auch christliche Lehren beeinflussten die Parolen, da die Führungselite der Republik stark von westlichen Missionaren beeinflusst war. Maos Propaganda-Kampagnen verbreiteten biaoyu dann im Dienste des Marxismus-Leninismus im ganzen Reich, meist auf roten Tüchern, Mauern und Kreidetafeln.

"Als ich jung war, wurden überall die Maßnahmen der Ein-Kind-Politik verkündet", erinnert sich der 32-jährige Fernsehredakteur Feng Chen, der in der Provinz Jiangsu aufgewachsen ist. "Damals waren die biaoyu wirklich sehr hart, im Vergleich dazu ist der Ton heutzutage - mit Ausnahme der Mahnungen des Büros für öffentliche Sicherheit - viel sanfter."

Gesetzestexte an der Imbissbude und Regierungsparolen an öffentlichen Neubauten - was im Westen schier undenkbar erscheint, erregt im Jiqingli-Wohnblock nicht die Gemüter. Im Gegenteil: Ein alter Wanderarbeiter, der hier täglich den Müll der Neureichen entsorgt, erklärt freudig, er lese diese "informativen" Plakate zu den Sommerspielen sehr oft. Und eine stämmige Frau mit Provinzdialekt, die sich vor ihrer Restaurantschicht auf den Bänken etwas ausruht, findet die Plakate sogar sehr ästhetisch und unterhaltsam.

Im multimedialen Zeitalter haben in China die staatlichen Diktate des biaoyu noch erheblichen Einfluss. "Die Olympiade ist ein wichtiges Thema, darum lese ich natürlich sehr aufmerksam die biaoyu", sagt eine junge Zeitungsverkäuferin. Sogar Yuppies, die im nächsten Starbucks ihren Latte schlürfen, empfinden die Parteimeldungen als wichtige Informationsquelle. "Als Neuling in Peking bekomme ich so wichtige Hinweise", sagt ein 28-jähriger IT-Experte aus Guangzhou über Chinas moderne Parolen. "Sie sind nicht nur für Bauern und Arbeiter da."

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