China
„Oh, Du lebst noch“

Die Lungenkrankheit SARS hat in China ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Doch schon jetzt bestimmt die Seuche den Alltag - wie bei Wang Xinyu, dem die Professorin abhanden kam und der dafür eine Ehefrau fand.

PEKING. Wang Xinyu hat viel Zeit und noch mehr Sorgen. Er ist Student, er ist jung, und er ist gesund, aber seit vier Wochen wird sein Leben von vier Buchstaben bestimmt: SARS. Alles fing für Wang mit ein paar Gerüchten an über eine seltsame Lungenkrankheit. Das war Anfang April, und er und seine Verlobte, eine hübsche, ordnungsliebende Frau, dachten sich, es sei vielleicht besser doch jetzt gleich zu heiraten, bevor diese mysteriöse, offiziell aber noch nicht weiter dramatische Krankheit ihnen einen Strich durch die Rechnung machen sollte.

Also chauffierte er seine Braut mit dem Fahrrad - "Bus und Taxi sind zu gefährlich" - ins örtliche Hospital: zur pflichtärztlichen Untersuchung für Brautpaare. Auf dem Weg fanden die beiden keine Apotheke, die Gesichtsmasken vorrätig hatte. Dass sie sich "auf eine sehr gefährliche Erfahrung" einließen, erfuhren die beiden erst ein paar Tage später. Da nämlich, am 20. April, gaben Pekings Behörden zu, dass die SARS-Epidemie zehnmal so schlimm ist wie zunächst zugegeben. Seitdem meldet das Land täglich 100 oder mehr Neu-Infektionen. Inzwischen sind in China 224 Menschen an SARS gestorben, die Zahl der Infizierten hat sich auf 4698 erhöht. Allein in Peking fielen 112 Menschen der Lungenseuche zum Opfer.

"Das sind ungewöhnliche Zeiten für uns alle", sagt der schmächtige, aber lebhaft wirkende junge Mann, während er sich in einem Pekinger Café in einen Ledersessel fläzt und erzählt, dass er am 18. April dann tatsächlich geheiratet habe, bevor Trauungen verboten wurden. Die behördliche Zeremonie war schlicht, man traf sich im kleinen Kreis, die Feier sollte bald in der Heimat des Brautpaares stattfinden, in der westlichen Provinz. Aber im Augenblick ist an Reisen wegen SARS nicht zu denken.

Ein Anruf zu ungewöhnlicher Stunde zeigte Wang schon am Tag nach der Hochzeit, dass von Normalität keine Rede mehr sein kann. "Ich lag gerade auf dem Bett und schaute Sportnachrichten, da rief meine Professorin an", erzählt er. Das war der 19. April, und sie war wegen SARS auf dem Sprung in die USA, wollte ihm zuvor aber noch schnell die mündliche Prüfung für die Zulassung als Doktorand abnehmen. Die renommierte Peking-Universität wurde kurz darauf wie alle Pekinger Schulen und Universitäten vorübergehend geschlossen.

Wangs größte Sorge ist jetzt, dass er wegen all des Kuddelmuddels seine schon fest zugesagte Anstellung nicht erhält. "Wenn ich mein Diplom bis Juli nicht habe, verliere ich vielleicht den Job, für den ich bei einer Staatsbank unterschrieben habe." Wangs Diplomarbeit liegt ein bis zwei Monate hinter dem Plan, und auch das kann man der Seuche zuschreiben. Denn er soll im Auftrag der Regierung in Pekings Hi-Tech-Distrikt Haidian die Kapital-Beschaffung von 100 Mittelständlern analysieren. Ein Drittel der Firmen, die Wang ausleuchten soll, "hat wegen SARS derzeit geschlossen, außerdem kann ich Interviews nur noch telefonisch führen". Haidian ist unter Pekings Distrikten mit Abstand am stärksten von SARS betroffen.

Während Wang rätselt, wie er seine Interviews zu Ende führen soll, melden sich immer mehr Ökonomen und warnen vor gravierenden Folgen der Seuche für die Wirtschaft im letzten großen Boomland auf der Erde. "Der Effekt von SARS wird zunehmend deutlich", warnte am Mittwoch Chinas Premier Wen Jiabao. Viele Volkswirte in der Region reduzieren die China-Prognose 2003 von früher 7,5 auf etwa sechs Prozent. Der Chefvolkswirt der Weltbank in Peking, Deepak Bhattasali, meint dagegen: "Wir sind nicht so pessimistisch." Er hat Chinas Wachstumsprognose von 7,5 auf sieben Prozent für das laufende Jahr reduziert.

Aber die Krise hat ihren Höhepunkt in China noch nicht erreicht, warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Schon jetzt ist Peking eine seltsame, eine leere Stadt geworden. In den Lobbies glitzernder Bürotürme richten maskierte Wachen Plastikpistolen auf Besucher: Laser-Jagd auf fiebernde SARS-Verdächtige. Am Flughafen, in Hotels und Restaurants herrscht Leere. Im örtlichen Starbucks, in dem Wang seinen Café Latte mit Zucker schlürft, drücken sich um die Mittagszeit mehr Bedienungen als Gäste herum. Der junge Bräutigam erzählt, wie er an Stelle seiner in die USA geflüchteten Professorin ihre letzte Vorlesung halten sollte. "Ich war der einzige, der da war", die restlichen 80 Studenten seines Kurses mieden den Vorlesungssaal.

Während das öffentliche Leben fast zum Stillstand gekommen ist, wird ein Dilemma fast Gewissheit. Die Regierung hat vielleicht nur noch die Wahl entweder die Seuche oder die Konjunktur abzuwürgen. Denn Chinas Wirtschaft funktioniert wie eine gigantische Umwälzpumpe, die Rohstoffe und Arbeiter in riesigen Ausmaßen hin- und herbewegt. Millionen billiger Wanderarbeiter aus dem Hinterland heizen an der Küste und in Peking auf Baustellen, an Fließbändern und als Straßenreiniger die Wirtschaft an. Mit ihnen kommen und gehen auch die Viren.

Nach dem 20. April flohen die Wanderarbeiter massenhaft aus Peking und kehrten zurück in ihre Provinzen. Viele der vier Millionen Migranten, die in der 14-Millionen-Stadt Peking arbeiten, ignorierten die Aufforderung der Regierung, zu bleiben. Selbst Premier Wen muss jetzt zugeben: "Das Hinterland ist der Schlüssel in der Schlacht gegen die Epidemie." Um die Seuche, die mit Migranten ins Hinterland entwich, zu eliminieren, müssten möglicherweise Millionen Wanderarbeiter umgehend in Quarantäne gesteckt und wochenlang isoliert werden. Das aber würde die Bauwirtschaft und Service-Industrie strangulieren.

Die Ökonomie ist das eine Problem, das andere, größere ist die Angst vor dem Tod: "Meine Eltern rufen jeden Tag an", sagt Wang, "sie wollen nur meine Stimme hören und legen gleich wieder auf, meist mit dem Seufzer: ,Oh, Du lebst noch.?"

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