China und Südkorea als Hoffnungskandidaten
Investmentbanking in Asien spaltet die Institute

An der Zukunft von Investmentbanking und Wertpapiergeschäft in Asien scheiden sich die Geister. Optimisten sehen enorme Wachstumschancen und heuern; Skeptiker verweisen auf enttäuschte Hoffnungen und feuern. Keine Bank verfolgt derzeit eine derart expansive Strategie in Fernost wie die Deutsche Bank. Kritiker warnen jedoch vor Reformträgheit.

HONGKONG. Hört Gary Coull das Stichwort Asien, gerät er ins Schwärmen. Eine "unmittelbar bevorstehende Renaissance in der Gunst großer internationaler Vermögensverwalter" sagt der Chef der Emerging-Markets-Tochter CLSA von Crédit Lyonnais dieser Region voraus. Fünf Jahre nach der Finanzkrise prophezeit der CLSA-Chef der Region "sehr gute Wirtschaftsaussichten". Außerdem sieht er Fernost als den "natürlichen Nutznießer" einer bevorstehenden Abkehr internationalen Anlagevermögens von den Vereinigten Staaten. "Das hat längst angefangen," sagt Coull im Gespräch mit dem Handelsblatt. Als Beleg führt er die Entwicklung asiatischer Börsen seit September an, die andere Märkte hinter sich zurück gelassen haben.

Im Rest der Schwellenmärkte findet es CLSA hingegen schwierig, Geld zu verdienen. "Ich kann mir kaum vorstellen, dass derzeit irgend jemand in Osteuropa oder Lateinamerika profitabel arbeitet," sagt Coull. Damit begründet er den gerade verkündeten Rückzug seiner Bank aus diesen Märkten. Das Risikoprofil in diesen Regionen habe sich deutlich verschlechtert und die Börsenumsätze lägen extrem niedrig.

Mit 720 Angestellten zählt CLSA zu den mittelgroßen Häusern in Fernost. Bei Umfragen zur Research-Qualität belegen die Franzosen seit Jahren Spitzenplätze. Das hilft im Broker-Geschäft mit institutionellen Kunden, das zwei Drittel des Umsatzes ausmacht; den Rest bestreiten Emissionen und M&A-Beratung. "Dieses Segment wird von vielen Großbanken ignoriert," sagt Coull. Von China, Indien und Südkorea erwartet der Manager das stärkste Wachstum. Doch auch Japan und selbst Südostasien böten gute Chancen. In beiden Regionen haben Unternehmen großen Restrukturierungsbedarf. "Die Wirtschaftskrise in Japan wird sich bis in zwei Jahren auflösen," glaubt Coull.

Zusammen mit der Mutter baut sein Institut deshalb das Japan-Geschäft auf. Außerdem haben die Franzosen jüngst eine Investmentbank auf den Philippinen übernommen und ihren indonesischen Broker-Partner gekauft. Um in den boomenden chinesischen Inlandsmarkt vorzustoßen, hat CLSA als erste Auslandsbank ein Joint Venture mit einem Wertpapierhaus in der Volksrepublik beantragt. BNP Paribas und HSBC verhandeln über ähnliche Deals. Auch die Deutsche Bank hofft, bald einen chinesischen Partner präsentieren zu können.

Coull ist bei weitem nicht der einzige Asien-Bulle in der Branche. Keiner expandiert in Fernost derzeit so aggressiv wie die Deutsche Bank. Bis vor kurzem hat das Institut in großem Stil angesehene Analysten, Investmentbanker und Verkaufspersonal geheuert, um sich für den erhofften Aufschwung an den Kapitalmärkten zu positionieren. Inzwischen klettert die Bank auch die Deal-Rankings hoch, und in der Research-Rangliste der Fachzeitschrift Institutional Investor hat sich die Asien-Tochter jüngst von Platz 14 auf Platz 10 verbessert. "Die meisten Märkte in Fernost haben mehr Wachstumspotenzial als Europa oder die USA," sagt Frank Nash, der das Investmentbanking der Deutschen Bank in Asien leitet. "Innerhalb unseres weltweiten Geschäfts wird die Region an Gewicht gewinnen."

Nash ist zuversichtlich, dass sich Länder wie Malaysia oder Thailand bald aus dem Tal heraus kämpfen werden, in das sie 1997 versunken sind. Die größten Hoffnungen setzt er jedoch wie Coull auf Nordasien - vor allem China. Manche Investmentbanker schätzen, dass Firmen aus der Volksrepublik in den kommenden Jahren 200 Mrd. $ an Überseebörsen aufnehmen werden. "Nach Größe und Bewertung sind in China Deals möglich, die selbst in westlichen Ländern schwierig wären," sagt Nash. Seinem Haus ist gerade einer gelungen: Die Deutsche Bank fungierte als alleiniger Berater für ein riesiges Pipeline-Joint Venture zwischen Petrochina, Shell, Exxon Mobile und Gazprom. Der Wert des Deals: 20 Mrd. $

Doch nicht alle teilen den aufkeimenden Asien-Optimismus. Der Restrukturierungsbedarf ist zwar enorm, die Konjunkturdaten lassen wieder hoffen, und viele Unternehmen dürsten nach Kapital. Doch außer in Südkorea und China laufen Reformen langsamer als erwartet an. Vor allem in Südostasien haben sich Hoffnungen auf eine schnelle Erholung als verfrüht erwiesen. Das bremst Investmentbanking-Geschäft, und auch das Brokerage-Geschäft läuft schwach.

Im vergangenen Jahr haben eine Reihe angesehener Institute enttäuscht das Handtuch geworfen: Dresdner Kleinwort Wasserstein und die Crédit Agricole-Tochter Indosuez W.I. Carr gaben ihr Asiengeschäft auf - mit Ausnahme von Japan. Société Générale setzte zwei von drei Analysten auf die Straße, bei Merrill Lynch musste einer von vier gehen. Die Amerikaner schlossen ihr Büro auf den Philippinen, HSBC tat dasselbe, zog sich zudem aus Indonesien zurück.

Der Research-Chef eines Wall-Street-Hauses schätzt, dass im vergangenen Jahr jedem vierten asiatischen Investmentbanker gekündigt wurde, in den Research-Abteilungen seien es 15 % gewesen. Keiner habe Geld verdient, viele Häuser hätten massiv verloren.

"Unsere Kostenstruktur ist niedriger als bei Großbanken", widerspricht CLSA-Chef Coull energisch, "wir hatten selbst in schwierigen Märkten wie Südostasien kein Problem, profitabel zu arbeiten."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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