China verschiebt lange geplanten Feldversuch für 3G-Mobilfunkstandard
UMTS-Alternative von Siemens stockt

Beim Poker um Chinas Entscheidung für einen Mobilfunkstandard der dritten Generation (3G) spielt Siemens mit hohem Einsatz: Die Münchner wollen ihre daheim durchgefallene Technologie in Asien zum Erfolg machen. Doch der Termin für den ersten Feldversuch ist verstrichen. Der Verzug nährt Gerüchte, das Projekt sei in Schwierigkeiten. Und Analysten werden skeptisch, welche Chancen die Technik wirklich in Konkurenz zum Europa-Standard UMTS hat.

HANDELSBLATT. HONGKONG. In Peking tüfteln 200 Siemens-Ingenieure daran, China einen hausgemachten 3G-Standard namens TD-SCDMA zu bescheren. Beim Partner Datang Telecom arbeiten ähnlich viele Menschen an dem Prestigeprojekt. Ende letzten Jahres hatte Siemens den ersten Feldversuch für April versprochen. "Dass es nicht dazu kam, liegt nicht an uns", sagt Jürgen Lagleder, der für die Kommunikationstechnik-Sparte des Konzerns in China verantwortlich ist. Das Ministerium für die Informationsindustrie habe keine Genehmigung für Feldversuche erteilt - auch nicht für die konkurrierenden Standards.

Doch jede Verzögerung legt die Messlatte für TD-SCDMA höher. Denn der technologische Nachzügler muss seine Funktionstüchtigkeit erst noch unter Beweis stellen. UMTS und CDMA2000 - die 3G-Standards, die in Europa beziehungsweise den USA Anwendung finden - haben das nicht nötig. An ihnen wird seit Jahren mit Hochdruck entwickelt.

Erster Telefonanruf mit TD-SCDMA im Labor geglückt

Unter Laborbedingungen ist Siemens der erste Telefonanruf mit TD-SCDMA erst im März geglückt. Aber Lagleder hofft, dass Siemens den Entwicklungsrückstand aufholen kann, da sich beim Einsatz von UMTS weltweit Verzögerungen abzeichnen. "Die Chinesen warten ab und beobachten, wie sich 3G im Westen entwickelt", pflichtet ihm Analystin Lydia Lau von ING Barings bei. Das gilt natürlich auch für die im eigenen Land entwickelte Technik. "Viel hängt von einem erfolgreichen Feldversuch ab", gibt Lagleder zu. Mit dem rechnet er frühestens in acht Wochen. Anfang 2002 falle dann die Entscheidung über die 3G Standards.

Milliarden-Poker

Was der Manager als "interessantes Spiel" bezeichnet, ist in Wirklichkeit ein Milliarden-Poker. Schon nächstes Jahr soll China zum größten Mobilfunk-Markt der Welt aufrücken. Deshalb haben die USA Peking mit massivem Druck dazu gebracht, neben dem Weltstandard GSM für heutigen Mobilfunk auch den heutigen US-Standard CDMA einzuführen. In den Aufbau eines parallelen CDMA-Netzes steckt der Mobilfunker China Unicom nun Milliarden. Damit sind allerdings Vorentscheidungen für Chinas 3G-Standard gefallen: Analysten glauben, dass dieses Netz später auf den 3G-Standard der USA, CDMA2000, aufgerüstet wird. Marktführer China Mobile, der den GSM-Standard nutzt, tendiert hingegen wie die Europäer zu UMTS.

Selbst wenn China alle drei 3G-Standards einführen sollte, ist Lagleder davon überzeugt, dass TD-SCDMA 30 % Marktanteil erringt. Das rechtfertigt für ihn die stattlichen Investitionen. Ein großer Teil der 1 Mrd. $, die der Konzern über drei Jahre in Chinas Mobilfunkmarkt steckt, fließen in das Projekt.

"Robuster Standard" oder "unreife Technik"?

Analysten sind über die Zukunft der Technologie geteilter Meinung. Rohit Sobti, Leiter von Salomon Smith Barneys Telekom-Research in Asien, hält das UMTS-kompatible TD-SCDMA für einen "robusten Standard". Angesichts des Entwicklungsvorsprungs der Konkurrenz gesteht er ihm aber nur eine Nische zu. Andere haben TD-SCDMA bereits abgeschrieben. "Die Technik ist unreif und wird nicht fertig, bis die Konkurrenz an den Start geht", sagt die Analystin einer großen Investmentbank in Hongkong. Wegen der geringen Kaufkraft in China werde dort mit mobiler Datenübertragung auf sechs, sieben Jahre kein Geld verdient. Mit der Einführung von 3G rechnet sie deshalb frühestens in drei bis vier Jahren. Dann sei TD-SCDMA nicht mehr billiger als Konkurrenzstandards: "Die Preise für Telekom-Ausrüstung fallen dramatisch schnell."

Quelle: Handelsblatt
Oliver Müller
Handelsblatt / Korrespondent
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