China
Wasser marsch!

Aus ihren Häusern sind meist schon Ruinen geworden. Im Sommer wird die Flut die Reste ihrer Heimat überschwemmen. Über 1,2 Millionen Menschen am Jangtse werden für den Drei-Schluchten-Staudamm umgesiedelt. Einzelschicksale interessieren nicht.

Wo früher einmal die Stadtmitte von Fengdu gewesen sein muss, sieht es aus wie im Krieg. Schuttberge türmen sich auf, Mauerteile ragen in die Luft. Fensterhöhlen glotzen auf den Jangtse. Aus Fengdu ist eine Geisterstadt geworden. "Unser Haus haben sie vor drei Wochen in die Luft gesprengt", sagt mit teilnahmsloser Miene eine junge Frau in dicker Wollkleidung. Sie trägt einen braunen Bastkorb voller Altpapier und Eisenteilen vor sich her. Den Rohstoff, den sie in den Trümmern aufliest, verkauft sie für umgerechnet acht Cent pro Kilo an Händler. "Wir haben nicht genügend Geld für den Umzug und müssen viel Baumaterial sammeln", stöhnt sie.

So wie der Frau geht es Tausenden von Anwohnern an Asiens längstem Fluss. Denn der Jangtse wird im Sommer nächsten Jahres viele Städte an den Ufern seines Oberlaufs überfluten, wenn in Yichang die Staumauer des weltweit größten Wasserkraftwerks, des Drei-Schluchten-Damms, fertig ist. über 1,2 Millionen Menschen müssen dafür umgesiedelt werden.

Fengdu ist eine Art Disneyland der Totenwelt. Touristen wird die Stadt als "Eingang zur Hölle", als beliebter Ausflugsstopp während der bis fünf Tage dauernden Bootstouren von Chongqing nach Wuhan angeboten. Unter den starren Augen des Totenkönigs Tianzi, der auf dem Berg Minshan thront, wühlen zahlreiche Chinesen im Schutt der verwüsteten Stadt. Derweil gehen andere ihrer Routine nach, verkaufen Gemüse am Straßenrand, kochen Reis in großen Woks oder essen in einer Braterei am Straßenrand.

"Ich muss Abfall sammeln", faucht eine ältere Frau, die, wie sie sagt, vier arbeitslose Kinder hat und in der rechten Hand eine verstaubte Rebe fauler Trauben trägt. Armut plagt viele Einwohner hier - und Korruption. Viel von dem Geld, das die Umsiedler entschädigen soll, kommt nicht bei ihnen an. Im vergangenen Jahr wurden in Fengdu zahlreiche lokale Beamte verhaftet. Sie hatten 60 Millionen Euro in ihre Taschen geleitet. Ein paar von ihnen wurden exekutiert.

Am Rande von Fengdus größtem Ruinenfeld schlachtet ein Metzger im Freien Hühner und Hunde. Fleisch ist ebenso knapp geworden wie Arbeit und Perspektiven. Im Juni kommt die große Flut, und sie wird beinahe alles verschlingen. Das schlammig-braune Wasser des Jangtse soll dann in nur zwei Wochen bis zu 69 Meter steigen, auf 135 Meter über dem Meeresspiegel. Zwischen dem 30-Millionen-Moloch Chongqing und der 650 Kilometer entfernten Staumauer des Kraftwerks in Yichang entsteht eine riesige Wasserfläche.

Die Staumauer soll Strom für Chinas unablässigen Boom liefern. Schon 2003 werden die ersten drei von später 26 Turbinen 5,5 Milliarden Kilowatt- Stunden Strom liefern, meldet die Zeitung China Business Times. Jede der riesigen Turbinen kann eine Millionenstadt umweltfreundlich mit Energie versorgen. Die Verbrennung von jährlich 40 Millionen Tonnen Kohle wird damit beendet, heißt es offiziell. Ein starkes Argument in einem Land, dessen größter Killer verdreckte Luft ist. Mehr noch: Der Staudamm soll jene Tod bringenden Flutwellen des Jangtse zügeln, die 1998 über 4 000 Menschenleben forderten und Hunderte von Millionen Dollar Schaden anrichteten. Er wird auch die Kosten der Schifffahrt drastisch senken. Die Passage am Oberlauf des Jangtse soll um ein Drittel billiger werden.

Doch der Preis für den Fortschritt ist immens: Weite Teile von Fengdu werden wie Hunderte von Städten am Fluss von den Wassermassen verschlungen. Die meisten Bewohner von Fengdu sind schon umgezogen, in die neue Stadt am gegenüberliegenden Ufer. Ihre alte Heimat wird zertrümmert, damit nicht später die Schiffsrümpfe an den Häusern kratzen.

Beamte in den Umsetzungsbüros weisen neue Wohnungen zu oder setzen die Unbehausten in einen Zug nach Schanghai oder verpflanzen sie in eine der Nachbarprovinzen. Viele sollen enttäuscht zurückgekehrt sein. Zahlen darüber gibt es in China nicht.

Der Jangtse ist Chinas längster Wasserweg, Reisschale, wirtschaftlicher Keilriemen und größter Mülleimer zugleich. Chinas Staatsapparat peitscht die Umsiedlungsaktion gnadenlos durch. Widerstand wird nicht geduldet. Wasser marsch, koste es, was es wolle. Das Land braucht hohes Wachstum, sonst drohen Unruhen. Fast die Hälfte der 23 Milliarden Dollar, die der Bau des weltweit leistungsfähigsten Hydrokraftwerks kostet, geht in die Umsiedlung. Die Regierung hat die Entschädigung der Menschen in einem Handbuch, das wie ein Geheimdokument kursiert, penibel geregelt: 45 Yuan (über fünf Euro) für einen Orangenbaum, umgerechnet 20 Euro für ein Familiengrab, fünf für einen Brunnen und vier für einen Schweinestall.

Viele Anwohner entlang des Jangtse haben von der Broschüre noch nie etwas gehört. "Unser Papa Jiang Zemin", schimpft ein 70-jähriger Greis über Chinas Staatspräsident, "hat kein Geld für uns Arme." Der Mann verkauft Erdnüsse, weil er zu wenig Rente bekommt. Seit kurzem werden dem Rentnerpaar mehrmals täglich Strom und Wasser abgestellt, klagt seine Frau. Sie wollen nicht auf die andere Seite des Flusses ziehen. Dort wurde für 70 000 Bewohner neuer Wohnraum geschaffen. "Die Banken leihen uns für den Umzug kein Geld", sagt eine Marktfrau. "Sie haben Angst, dass wir nicht tilgen können."

Das Projekt hat viele Verlierer, es gibt aber auch Gewinner. Die Stadt Zigui unweit des Drei-Schluchten-Projekts wurde 30 Kilometer näher an den Staudamm verlegt. "Ich verdiene jetzt besser, habe eine doppelt so große Wohnung und wurde vor dem Umzug entschädigt", sagt ein schmächtiger Englischlehrer in dunklem Anzug, der mit Frau und kleiner Tochter durch die Stadtmitte von Zigui schlendert.

Unweit davon windet sich eine steile Treppe zu einem Tempel empor. Die Erde links und rechts der Treppe haben zwei Frauen in Beschlag genommen. Sie züchten darauf Rettich und Kopfsalat für den Eigenbedarf. Beide sind schon vor sechs Jahren hierher in den neuen Stadtteil von Zigui gezogen und wohnen in größeren Wohnungen, in einer von Hunderten weiß geklinkerten Mietskasernen. Sie fühlen sich gut entschädigt.

So konträr wie die Erfahrungen der Jangtse-Bewohner mit der Umsiedlung, so widersprüchlich sind die Beurteilungen des Staudamm-Projektes unter Experten. Den starken Argumenten von Chinas Propaganda steht herbe Kritik vor allem von Umweltschützern entgegen. Der Fluss werde noch schmutziger werden, sagen einige. Hunderte archäologischer Stätten werden verschwinden. Tausende von Tonnen giftiger Abfälle werden wahrscheinlich nicht beseitigt, bevor die Fluten steigen. Öffentliche Toiletten, Gräber, über 100 Müllhalden werden in den braunen Massen des Jangtse versinken. Eine Zeitbombe ?

Wie sich Chinas zweite große Mauer auf den Tourismus auswirken wird - die Staumauer ist über 2 300 Meter lang und 185 Meter hoch -, vermag niemand vorauszusagen. Für das erste Halbjahr 2003 melden Reedereien viele Buchungen. Touristen wollen die alten Städte entlang des Jangtse noch einmal sehen, bevor sie für immer verschwinden. Die berühmten drei Schluchten werden sie auch nach der Flutung bestaunen können.

Die meisten Menschen am Jangtse scheinen die gravierenden Veränderungen gelassen zu nehmen. Sie schauen nach vorne, dem Boom sei Dank. "Das, was ich vom Staat für die neue Wohnung bekomme, ist nicht genug", sagt eine Frau, die in Fuling, eine Autostunde von Chongqing entfernt, auf den Trümmern ihres ehemaligen Hauses sitzt und einen Pullover für ihre Tochter häkelt, während der Jangtse zu ihren Füßen vorbeizieht. Obwohl sie zu den Opfern des Damms gehört, sagt sie ohne Zögern: "Das Kraftwerk ist gut für unser Land."

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