Chinas erfolgreichster Strategieberater
Song Xinyu: Der chinesische Firmendoktor

Er predigt Chinas Managern die Weisheiten des Kapitalismus. Das Geschäft läuft gut. Song Xinyu hat im kommunistischen Riesenland bereits Kultstatus.

PEKING. "Ich habe langsam das Gefühl, das ist wie Religion", sagt Song Xinyu und wendet den Blick vom überfüllten Buchregal in seinem Büro hoch über Pekings künftigem Olympiadorf ab. Song residiert im "Blue Space", einem der jüngsten Büro- und Wohnkomplexe, wie sie zu Hunderten in Peking aus dem Boden schießen. Song schildert in makellosem Deutsch, wie er Tausenden Managern in China unentwegt seine Strategie-Weisheiten einbläut. Eines seiner acht ehernen Prinzipien heißt: "Suche nach der Einfachheit".

Es gibt Leute, die daran glauben, und welche, die zweifeln, sagt der 39-Jährige und lächelt fein. Doch so viele Zweifler dürften es gar nicht sein. Sonst könnte sich Song nicht am Vierten Ring im Osten Pekings ein 200 Quadratmeter großes Büro in Toplage leisten. Von hier aus dirigiert er mit einem Dutzend Mitarbeiter seine Firma I-Zhong International. Jedes Jahr veranstaltet er über 100 Seminare überall im riesigen Land. Und jedes Mal lauschen Hunderte von Managern und Firmengründern begierig, was er ihnen rät.

Raubeiniger Frühkapitalismus

Der freundliche Mann mit der dünnrandigen Brille ist Chinas bekanntester und erfolgreichster Management- und Strategieberater. Die Zeitungen im Lande porträtieren ihn unentwegt. Und sie bezeichnen Song, der seine Worte mit Bedacht wählt wie ein Apotheker, gerne als Firmendoktor. "In China wird Unternehmensberatung immer mit dem Arzt-Besuch verglichen", sagt er.

Er muss es wissen. Für ein Tageshonorar von bis zu 20 000 Renminbi, etwa 2 800 Euro, predigt er Vorständen expandierender Privatfirmen, wie sie sich auf das Wesentliche konzentrieren, die Top-Kunden besser pflegen und auf ihren guten Ruf achten. "Gerade das ist in China sehr schwer zu vermitteln", sagt Song. "Denn viele Unternehmer sagen sich: Was hilft mir der gute Ruf, ich will schnell Bares sehen." Kein Wunder: Die Reformpolitik von Chinas Premier Zhu Rongji hat eine Goldgräberstimmung ausgelöst. Auf dem Weg von der Kommando- zur Marktwirtschaft ist in China ein äußerst raubeiniger Frühkapitalismus entstanden. Wer da Unternehmens-Ethik predigt, wie Song Xinyu, der "schwimmt gegen den Strom".

Das kann sich aber jemand leisten, der schon früh zur Elite im Lande gehörte. Mit 17 macht er in Chinas bevölkerungsreichster Provinz Henan das beste Abitur. Weil China gerade mit der Reform- und Öffnungspolitik begonnen hat, schickt die politische Führung Studenten ins Ausland. Song ist einer der ersten 300, die nach Europa dürfen. In nur 14 Monaten büffelt er in Schanghai am Goethe-Institut Deutsch und holt das deutsche Abitur nach. Als einziger ausländischer Stipendiat der Schleyer-Stiftung studiert er in Köln Betriebswirtschaft und promoviert mit dem Thema "Transformation sozialistischer Wirtschaftssysteme in eine Marktwirtschaft".

Ex-Trainee der Deutschen Bank

Sein Doktorvater ist Christian Watrin, einer der letzten Schüler von Alfred Müller-Armack. "Die ordoliberale Schule hat mich fasziniert", gesteht der Sohn eines chinesischen Soldaten, der nach der Kulturrevolution Zigaretten produziert. Song startet als Trainee bei der Deutschen Bank und wechselt als erster Chinese zur Unternehmensberatung Roland Berger und baut für sie Büros in Peking und Schanghai auf. Im Mai 1999 gründet er seine eigene Firma I-Zhong. Schon zwei Jahre später genießt er unter Chinas Beratern so etwas wie Kultstatus.

Song, verheiratet und Vater von zwei Kindern, gehört zur aufstrebenden chinesischen Mittelschicht. Er trägt modische westliche Geschäftskleidung, wohnt in einem modernen Viertel am Rande Pekings und ist stolzer Besitzer eines neuen Audi A6. Dafür lebt der Vorzeigeberater, der fließend Englisch spricht, hauptsächlich in Flugzeugen und Hotels.

Das soll sich jetzt ändern. Er will sein Wissen künftig stärker über Videokassetten, Bücher und Magazine vermarkten - auch in Deutschland. Vielleicht kann sich Song dann demnächst noch ein größeres Büro leisten.

Vita

Song Xinyu wird am 20. Oktober 1962 in Chinas Provinz Henan geboren. Als einer der ersten Chinesen geht er nach Beginn der Öffnungspolitik 1981 ins Ausland und studiert BWL in Köln. Er arbeitet bei der Deutschen Bank und bei Roland Berger. Für das Beratungsunternehmen baut Song die Büros in Peking und Schanghai auf, bevor er 1999 seine Firma I-Zhong gründet. Nach vielen Medienauftritten ist der Strategieberater in China sehr bekannt. Seine Managementlehre verbreitet er auch in eigenen Kolumnen in chinesischen Wirtschaftszeitungen.

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