Chinas muslimischer Westen
„Das sind deren Spiele, nicht unsere“

Einheit, Harmonie, Frieden – der olympischen Geist stand bei den Sommerspielen in Peking schon früh im Schatten des Bombenterrors im chinesischen Westen. Dabei ist die Gewalt nur die Spitze des Eisbergs: Im ethnischen Schmelztiegel dieses Landesteils brodelt es.

HB LANZHOU. Peking und die Partei sind fern in Lanzhou. Zwar ist der Einfluss der Olympischen Spiele auch im chinesischen „Wilden Westen“ nicht zu übersehen, doch fiebert in der Provinz Gansu noch lange nicht jeder mit - so mancher reagiert eher abfällig auf Olympia. Der Traum vom harmonisch vereinten China bleibt 2000 Kilometer westlich von Peking, wo der Gelbe Fluss sich träge durch die Löss-Berge der Drei-Millionen-Stadt wälzt, unerfüllt. Im Stadtzentrum wehen Nationalfahnen in vielen kleinen Läden. Wie Glücksbringer hängen sie auch an Rückspiegeln der Busse. Doch in den muslimischen Vierteln im Westen der Stadt ist kaum etwas von Olympia zu spüren. Dort ragen die Minarette der Moscheen über die Dächer.

Mit einer wegwerfenden Handbewegung reagieren die Hammelspieß-Verkäufer mit den weißen Kappen der muslimischen Uiguren und Hui auf das Thema Olympia. Ein großer Teil der Bevölkerung gehört Minderheiten an, hauptsächlich Hui und Tibeter, aber auch Uiguren. Bis zur Unruheregion Xinjiang, wo Sprengstoffanschläge und andere Bluttaten den olympischen Frieden stören, sind es nur wenige Stunden. Mehr von dem Missmut, den die Spiele mancherorts in Lanzhou verbreiten, bekommt man zu hören, wenn man sich in eine der muslimischen Suppenküchen setzt, um eine Schüssel schweißtreibend scharfe Nudelsuppe mit Rindfleisch zu essen.

„Ist doch alles eine Riesenfarce“, brummt der 27-jährige Sohn der Besitzer einer uigurischen Suppenküche, während er beeindruckend schnell die langen Nudeln aus einem Teigklumpen zieht und sie mit einem geübten Schwung in den dampfenden Kessel wirft. „Die tun so, als würden wir bei dem Zirkus mitfeiern, und zur gleichen Zeit verhaften sie daheim unsere Leute, weil sie angeblich landesverräterische Pläne haben.“ „Die“ sind die Chinesen, „daheim“ ist ein kleines Dorf Richtung Westen, ein Stück weit hinter der Grenze zwischen Gansu und Xinjiang, aus dem die Familie vor zehn Jahren nach Lanzhou gezogen ist. „Das sind deren Spiele, nicht unsere“, fügt er hinzu. „Gerade jetzt während der Spiele haben die eine Riesenangst und wir bekommen das zu spüren.“

Dass die Angst der Regierung nicht unbegründet ist, hat das Blutvergießen in Städten Kashgar und Kuqa im Westen der Region Xinjiang gezeigt, bei denen mehr als 30 Menschen ums Leben kamen. Die Behörden verdächtigen uigurische Separatisten dahinter. Der 27- Jährige hat wenig Sympathie für die Anschläge, ist aber nicht überrascht. „Um ehrlich zu sein, wundern mich die Anschläge nicht. In Xinjang brodelt es seit langem.“ Seit den 90er Jahren kommt es in der Region immer wieder zu Aufständen, unter anderem während der Unruhen in Tibet im März und April. Die Behörden warnten auch vor Anschlägen mutmaßlicher uigurischer Terroristen während der Olympischen Spiele. „Aber das gibt denen noch lange kein Recht, uns alle wie Straftäter zu behandeln“, beschwert sich der 27-Jährige.

Auch für Yakub Azizi kamen die Anschläge nicht unerwartet. Der 23- jährige Uigure, der in einem kleinen koscheren Restaurant im Zentrum von Lanzhou arbeitet, steht den Spielen wohlgesonnener gegenüber. Er trägt ein T-Shirt mit dem Olympia-Logo. Eine Nationalflagge, abgewandelt zu einem roten Herzen mit kleinen Sternchen darin, hat er an den Türrahmen im Eingang des Restaurants geklebt. „Ist doch Blödsinn, vollkommen gegen die Spiele zu sein. Was bringt das denn?“, meint er. „Ich lebe in Lanzhou und die Leute hier freuen sich über die Spiele. Sie freuen sich, wenn sie mein T-Shirt sehen. Warum also nicht?“ Aber er kennt auch eine militantere Seite seines Volkes. „Ich selbst bin in Lanzhou aufgewachsen, aber ich habe genug Verwandte, die eine radikalere Einstellung haben als ich. Und ich weiß, dass es zu Hause in Xinjiang genug Leute gibt, die für die Freiheit der Provinz kämpfen würden.“

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