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Chinas Notenbankchef erwartet keine neue Asienkrise

Obwohl die konjunkturelle Abkühlung in den USA und Japan sich auf die südostasiatischen Länder auswirken wird, erwartet Chinas Notenbankchef Dai Xianglong keine Wiederholung der asiatischen Finanzkrise des Jahres 1997.

HB PEKING. Dai begründete seine positive Einschätzung damit, dass die von der Asienkrise 1997 betroffenen Länder ihre Devisenreserven in beträchtlichem Umfang erhöhen und ihre Auslandsschulden deutlich abbauen konnten. Auch ihre Wechselkurspolitik sei heute flexibler und die ökonomische und finanzielle Restrukturierung komme voran. Dai setzte sich für eine stärkere wirtschaftliche und finanzielle Kooperation der asiatischen Staaten ein. Die Zusammenarbeit der Notenbank-Präsidenten im asiatisch pazifischen Raum, die sich jährlich einmal treffen, sollte eine größere Rolle spielen. Ein Ansatzpunkt hierfür sei die bei einem Treffen in Thailand gestartete Initiative zur Koppelung der Dollarreserven, um spekulative Währungsattacken besser abwehren zu können.

An den sogenannten Currency Swap Arrangements wollen sich die zehn Asean-Staaten und die drei ostasiatischen Staaten China, Südkorea und Japan beteiligen. Thailand und China hätten sich während des viertägigen Staatsbesuches von Chinas Premier Zhu Rongji zu Beginn der Woche im Grundsatz auf ein Curreny Swap arrangement verständigt. Die Einzelheiten würden derzeit von den Zentralbanken ausgearbeitet. Japan hat bereits Anfang Mai mit Thailand, Südkorea und Malaysia eine derartige Zusammenarbeit im Umfang von insgesamt sechs Mrd. US Dollar begonnen.

Die etwa 20-prozentige Abwertung des Yen gegenüber dem Dollar in den letzten Monaten und die nicht absehbare Erholung der japanischen Wirtschaft werden die chinesischen Exporte nach Japan beeinträchtigen, meint Dai. Rund 16 % der chinesischen Exporte gingen nach Japan. Die Flaute in Japan werde auch andere asiatische Länder in Mitleidenschaft ziehen, was sich indirekt ebenfalls auf China auswirke. Allerdings hänge die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft vor allem von dem großen Binnenmarkt ab. Dort würden die Investitionen weiter wachsen und die private Kaufkraft durch eine Anhebung der staatlichen Gehälter im Umfang von 20 Mrd. DM gestärkt. Daher erwarte Dai, dass Chinas Wirtschaft im laufenden Jahr trotz der negativen Einflüsse um über 7 % wächst.

Chinas Kapitalbilanz hat sich weiter verbessert. Ende April hätten die Devisenreserven 177,1 Mrd. Dollar betragen. Dies sei ein Plus von 11,6 Mrd. seit Jahresbeginn. Angesichts der guten Zahlungsbilanz-Situation und der guten Fundamentaldaten hat Dai großes Vertrauen in die Stabilität des Renminbi. Unter Kaufkraftgesichtspunkten, insbesondere bei Technologie-Gütern, sei der Renminbi eher unterbewertet. "Ich kann", so Dai, "Dollarverkäufe zur Verteidigung des Renminbi-Wechselkurses ausschließen." Der Kurs liegt offiziell bei 8,28. Hätte die chinesische Zentralbank nicht Dollar gekauft, hätte es nach Dai´s Darstellung eine Aufwertung des Renminbi gegeben.

Begrenzter Zugang zu lokalen Märkten

Dai setzt sich für einen möglichst frühen WTO-Beitritt Chinas ein. Er stellt weitere Fortschritte bei der Herstellung der vollen Konvertibilität des RMB in Aussicht. Gegenwärtig ist der RMB nur beschränkt konvertibel. So können Gewinne ausländischer Investoren frei in die Heimatländer transferiert werden. Die Summe der Auslandsinvestitionen in China beziffert Dai auf 350 Mrd. US Dollar. Auch können chinesische Firmen Renminbi-Gewinne in Devisen eintauschen und mit staatlicher Genehmigung im Ausland investieren. Dagegen müsse der Zugang ausländischen Kapitals zu den lokalen Wertpapiermärkten noch begrenzt bleiben, sogenannte A-Aktien, weil wegen der geringen Kapitalisierung dort sonst ein Chaos ausbrechen könnte.

Dai kündigte an, nach einem Beitritt Chinas zur WTO würde die volle Konvertibilität Schritt für Schritt hergestellt werden. Auf einen Zeitplan wollte er sich nicht festlegen, verwies aber auf das Beispiel Japan, wo dieser Prozess drei Jahrzehnte gedauert habe. Dai, "wir werden nichts überstürzen".

Die Wechselkurspolitik wird - wie das Thema Bankenaufsicht - Gegenstand der Gespräche sein, die Dai bei seinem Besuch ab dem 12. Juni in Deutschland mit der Bundesbank und der EZB führen will. Dai geht davon aus, dass der Euro langfristig gegenüber dem Dollar an Wert gewinnen wird. Schon heute habe der Euro einen großen Anteil an den chinesischen Devisenreserven. Dai lehnt es allerdings ab, diesen exakt zu beziffern. Währungsexperten schätzen den Euro-Anteil an den chinesischen Währungsreserven auf 10-20 %. Dai kündigte an, der Devisenmix in den Reserven werde entsprechend den Prinzipien "Sicherheit, Liquidität und Wertentwicklung" angepasst.

Für die Entwicklung Chinas spielt die Reform des ganz überwiegend staatlichen Bankensystems eine Schlüsselrolle. Das Bankensystem ist trotz eingeleiteter Reformen jedoch sehr schwach entwickelt. Das Volumen notleidender Kredite, die auf die Vergabe an verlustträchtige Staatsfirmen und öffentliche Projekte zurück zu führen sind, schätzen internationale Experten auf bis zu 400 Mrd. US Dollar, beziehungsweise 40 % des Bruttoinlandsproduktes.

Banken sollen an die Börse geführt werden

Als einen wesentlichen Teil der Bankenreform nannte Dai die Entwicklung von mittleren und kleineren Banken mit einer Aktionärsstruktur. An ihnen können - im Unterschied zu den vier großen Staatsbanken - gleichzeitig Staatsbetriebe, Privatfirmen und private Anleger beteiligt sein. Doch von über 100 solchen Banken wurden in China erst zwei an der Börse eingeführt. Auf dieses Bankenmodell entfallen aber bereits 14 % aller Bankenaktiva. Ihre Entwicklung verlaufe besser als die der Staatsbanken. Daher sollten die staatlichen Geschäftsbanken zunächst in solche Aktionärsbanken übergeführt und später die besten - nach langer Vorbereitung - zu börsennotierten Gesellschaften umgewandelt werden. In einem ersten Schritt sollen das Management verbessert, strengere Bilanzierungsregeln eingeführt und der Personalüberhang abgebaut werden. Ein Anfang ist bereits gemacht. Die vier großen Staatsbanken, so Dai, hätten in den letzten zwei Jahren zusammen 30 000 Geschäftsstellen geschlossen und die Zahl der Mitarbeiter um 130 000 verringert.

Überfällige Kredite im Volumen von 1 300 Mrd. RMB seien in dieser Zeit zu eigens gebildeten Auffanggesellschaften übertragen worden. Diese Firmen wandeln nicht mehr bediente Kredite in Anteile an den verschuldeten Firmen um. Ende 2000 habe der Anteil der überfälligen Kredite bei 25 % aller Kredite gelegen. Allerdings seien nur 2,5 % nicht mehr einbringbar. Im ersten Quartal hat sich der Anteil überfälliger Kredite um 0,7 Prozentpunkte verringert. Die staatlichen Geschäftsbanken sollen zur Erhöhung ihrer Eigenkapitalquote auf mehr als 8 % bis Ende dieses oder zu Beginn des neuen Jahres auch Anleihen begeben können. Ferner können die staatlichen Geschäftsbanken verlorene Kredite jetzt noch im selben Jahr voll abschreiben.

Die Banken in den Ballungszentren entlang Chinas Küste, wie Schanghai und Shenzhen, sollten Motor der Reformen sein. Sie sollen schneller einen international üblichen Standard erreichen. Diese Banken müssten folglich in weniger als fünf Jahren wettbewerbsfähig sein. Denn sie müssten mit Auslandsbanken konkurrieren. Wenige Jahre nach dem WTO-Beitritt werden Auslandsbanken zunächst in ausländischer Währung, dann aber auch in chinesischer Währung Geschäfte machen können. Dai sieht gute Chancen für eine internationale Wettbewerbsfähigkeit der reformierten Geschäftsbanken in den Küstenregionen, weil der Anteil der notleidenden Kredite vieler Banken dort bereits heute unter 10 % liege.

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