Chinas Top 100
Reformstau in Chinas Wirtschaft

Provinzmonopolisten der Stromindustrie sind enorm profitabel. Chemie- und Stahlriesen sind Umsatzspitzenreiter im Reich der Mitte. Finanzdienstleister, Autohersteller und Händler fehlen in der Führungsgruppe. Der Landwirtschafts-Sektor ist nicht in den Top 100 vertreten.

 

mg PEKING. Ein Blick auf die 100 größten börsennotierten Firmen aus China offenbart den riesigen Aufholbedarf im Reformprozess des Landes, das erst im Dezember der WTO beitrat.. Obwohl das Reich der Mitte seine frühere Kommandowirtschaft seit 22 Jahren in kleinen Schritten liberalisiert, dominieren den Kurszettel der umsatzstärksten Unternehmen immer noch staatlich dirigierte Mammutunternehmen der Chemie- und Stahlbranchen sowie Strom-Monopole in den Provinzen und aufstrebende High Tech-Konzerne, die von der Zentralregierung geschmiedet und gepuscht werden. Kein einziges landwirtschaftliches Unternehmen schafft es im größten Agrarland der Welt unter die Top 100. Banken und Versicherungen sind in der Spitzengruppe nicht vertreten. Der größte Autobauer in dem Vergleich, die Brilliance in Shenyang, erreicht nur Position 44. Zum Vergleich, im Dax sind allein drei Autowerte. Das größte Kreditinstitut taucht in der Liste von Chinas führenden Börsenfirmen mit der Shanghai Pudong Development Bank erst auf Rang 48 auf.

Trotz jahrelangen stürmischen Wachstums sind - mit wenigen Ausnahmen - selbst die größten chinesischen Firmen im internationalen Vergleich immer noch Winzlinge. Das umsatzstärkste chinesische Börsenunternehmen, Sinopec (siehe HB am 14.12.2001), schafft es bei einem Jahresumsatz von 44 Mrd. Euro zwar an die 4. Stelle in der weltweiten Chemie, doch nur an die 60. Position in der globalen Fortune 500. Derzeit rangieren nur 12 chinesische Firmen in der globalen Rangliste. Wie zersplittert der chinesische Markt auch nach zwei Reform-Jahrzehnten noch ist, geht deutlich aus dem Vergleich hervor. Der Stromhersteller Harbin Power kommt mit einem Umsatz von 410 Mill. Euro nur auf 1% des Umsatzes, den der Spitzenreiter Sinopec erzielt. Das heißt, noch immer stehen ganz wenige große Konzerne an der Spitze in China, der Mittelstand fehlt, es dominieren viele kleine Unternehmen. Die Landwirtschaft, Chinas größter Arbeitgeber, bringt kein einziges börsennotiertes Unternehmen in die Top 100. Und obwohl China als der weltweit siebtgrößte Konsummarkt gilt, schaffen es nur drei Einzelhändler in die Gruppe der 100 größten. Doch keiner taucht unter ersten 60 auf. Und alle sind in Shanghai. Ein Indikator, nicht nur für die einseitige Konzentration des Fortschritts in China auf die Küste, sondern auch dafür, dass bislang politischer Einfluss über den Sprung auf den Kurszettel entschied und nicht der unternehmerische Erfolg. Erstaunlich ist auch, wie viel Gewinne Unternehmen in einem Land erzielen können, das eigentlich dafür bekannt ist, dass seine Publikumsgesellschaften eher marode Staatsfirmen sind. Der Telekom-Konzern China Mobile, Chinas Nummer 1 in der Branche, kann, weil die Liberalisierung gerade erst begonnen hat, noch immer eine Netto-Umsatzrendite von knapp 28 % erzielen. Ein Wert, den in dieser Liga nur Microsoft überbietet. Durch die Bank satte Gewinne streichen auch Chinas Stromkonzerne ein, die bis zur völligen Liberalisierung des Marktes noch 15 Jahre Zeit haben dürften.

Shandong Power, Chinas drittgrößter Stromerzeuger, der derzeit mit sechs neuen Werken seine Kapazität verdoppelt um der langsam aufkommenden Konkurrenz frühzeitig auf und davon zu wachsen, erreicht eine Rendite von 20 %. Beijing Datang Power in der Hauptstadt kommt sogar auf 24%.

Lange nicht so gut geht es dem Fernsehproduzenten Konka, der mit 1,24 Mrd. Euro Jahresumsatz auf Platz 23 in der Rangliste nur 31 Mill. Euro Nettogewinn erwirtschaftet. Die magere Rendite ist der horrenden Überkapazität in dem zersplitterten Markt zu verdanken, wo Provinzregierungen ihre schützenden Hände bis heute über wenig profitable und zu kleine Hersteller halten. Die zehn größten Hersteller der Branche, in der sich 87 tummeln, würden reichen, um die 20 Mill. TV-Geräte zu produzieren, die die Chinesen jedes Jahr kaufen. Doch 50 Mill. werden produziert. Mörderische Preiskämpfe drücken die Firmen wirtschaftlich an die Wand, während politischer Einfluss eine Bereinigung verhindert, die ein funktionierender Markt längst geleistet hätte.

Von Markus Gärtner, Handelsblatt

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