Chirac-Besuch
Rosen gegen Handküsse

Jacques Chirac legt bei seinem letzten Amtsbesuch in Berlin einen bühnenreifen Auftritt hin, der die ganzen zwölf Jahre Präsidentenamt zusammenfasst. Und weil er die deutsche Kanzlerin artig für ihr Engagement für Europa und die bilaterale Freundschaft lobt, lässt auch diese sich nicht lumpen.

BERLIN. Seine Handküsse sind berühmt-berüchtigt. Aber im Ehrenhof des Kanzleramts übertrifft sich Jacques Chirac diesmal selbst. Erst breitet er seine langen Arme weit, weit aus, als er auf die Bundeskanzlerin mit breitestem Lächeln zugeht. Dann setzt er zu einer eindrucksvollen "rechts-links"-Kombination an, reißt Angela Merkel erst den einen, dann den anderen Arm in die Höhe, um die Hand zu küssen. Küsschen an die linke und rechte Wange gibt es auch noch.

Und weil der große Gesten-Meister der europäischen Politik diese kameragerechten Freundschaftsbeweise eigentlich nur noch mit einem - in der nicht-sozialistischen Diplomatie verpönten - Zungenkuss toppen könnte, ist klar: Der 74-jährige Chirac ist bei seinem 32. Deutschland-Besuch zum letzten Mal im Kanzleramt. Am Sonntag wird in Frankreich sein Nachfolger gewählt. Deshalb fließen in dem bühnenreifen Auftritt die ganzen zwölf Jahre Präsidentenamt zusammen. Symbolik trieft aus allen Aspekten seines Besuches, der - angemessen für die überragende Bedeutung der deutsch-französischen Freundschaft - natürlich der letzte offizielle in Chiracs Amtszeit ist.

Weil er die Kanzlerin artig für ihr Engagement für Europa und die bilaterale Freundschaft lobt, lässt auch diese sich nicht lumpen. Extra wegen Chirac lässt sie das deutsch-französische Korps antreten. Extra wegen Chirac organisiert sie oben in den Räumen des Kanzleramts ein Abschieds-Abendessen mit seinen Lieblingsspeisen auf den Deutschlandtouren: Eisbein, Erbsenpürree und Bier.

Dann adelt sie den Neogaullisten Chirac auch noch als wahren Nachfolger seines Vorbilds. Zur 50-Jahr-feier der Römischen Verträge hatte Merkel nämlich Ende März noch auf die anzügliche Bemerkung des früheren Präsidenten Charles de Gaulle angespielt, dass "Verträge wie Mädchen oder Blumen sind - sie halten nie lange". Nun schenkt sie Chirac einen (dauerhafteren) Rosenstock aus dem Garten Konrad Adenauers.

Dabei war der freundliche Abschied für Chirac nicht ganz so selbstverständlich. Anfangs mokierte sich die nüchterne Merkel nicht nur über die überladenen Umgangsformen Chiracs. Anfangs nahm sie ihm auch übel, dass er im Bundestagswahlkampf mehr oder weniger offen für den Kandidaten des politischen Gegners, nämlich Gerhard Schröder, eingetreten war. Mit diesem hatte Chirac nämlich eine jener typisch deutsch-französischen und parteiübergreifenden Symbiosen entwickelt, die in den Jahrzehnten zuvor schon die politischen Gespanne Giscard-Schmidt und Kohl-Mitterrand ausgezeichnet hatten.

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