Chirac empört und in Sorge um französische Geiseln
Manila greift Abu Sayyaf auf Jolo mit 4000 Soldaten an

Frankreichs Präsident Chirac ist empört und in Sorge um französische Geiseln.

afp ZAMBOANGA/PARIS. Nach fast fünf Monaten Verhandlungstaktik in der Geiselkrise hat die philippinische Regierung überraschend einen militärischen Großangriff gegen die Abu-Sayyaf-Rebellen gestartet. Die über 4 000 Soldaten sollten vor allem die verbliebenen 22 Geiseln aus der Gewalt der Moslem-Rebellen befreien, sagte Generalstabschef Angelo Reyes am Sonntag. Offiziell war von sechs getöteten Rebellen die Rede, Zeitungen berichteten von 200 toten Zivilisten. Die Geiseln blieben angeblich unversehrt. Die Hoffnung, die Abu Sayyaf könnte innerhalb von ein oder zwei Tagen aufgeben oder aufgerieben werden, zerschlug sich offenbar: Die Behörden rechneten am Sonntag damit, dass die Kämpfe eine Woche dauern könnten. Frankreich und Deutschland sowie einige ehemalige Geiseln kritisierten die Aktion.

Die Offensive begann am Samstag um 1.00 Uhr Nachts Ortszeit (Freitag 19.00 Uhr MESZ). Dabei wurden die Bodentruppen von Jagdflugzeugen der Luftwaffe und Kriegsschiffen der Marine unterstützt. Die gesamte Insel wurde abgeriegelt, die Telefonverbindungen unterbrochen. Zeitungsberichte, denen zufolge es erste Todesopfer unter den Entführten gegeben haben soll, wies Generalstabschef Reyes zurück. Von Seiten des Militärgeheimdienstes hatte es zu Beginn des Einsatzes geheißen, bei dem Befreiungsversuch habe es möglicherweise zahlreiche Opfer gegeben.

Zeitungen berichteten von mehr als 200 getöteten Zivilisten. Reyes sagte dagegen, bis Sonntag seien sechs Abu-Sayyaf-Rebellen getötet worden. Die Armee habe 20 weitere gefangen genommen. Unter den Regierungssoldaten und Zivilisten habe es nur jeweils vier Verletzte gegeben. Die rund tausend Rebellen seien auf der Flucht.

Rebellen-Anführer wechselt das Versteck

In Paris reagierte Staatspräsident Jacques Chirac empört auf die Militäraktion. Manila habe die französische Regierung zuvor nicht informiert und sei für die Sicherheit der Geiseln - darunter zwei französische Journalisten - verantwortlich. Premierminister Lionel Jospin rief seine Berater zu einer Krisensitzung zusammen. Das Bundesaußenministerium in Berlin erklärte, die Bundesregierung teile die Sorge ihrer französischen Freunde.

Die beiden französischen Geiseln, die Fernseh-Journalisten Jean-Jacques Le Garrec und Roland Madura, waren laut ihrem Sender France 2 am Leben und vorläufig in Sicherheit. Der Manila-Korrespondent des Pariser Senders berief sich dabei am Samstagabend auf die "bruchstückhaften Informationen aus Verhandlungskreisen". Offenbar habe der Anführer der Rebellen, der als "Commander Robot" bekannte Galib Andang, in Erwartung der Armee-Offensive am Freitagabend das Versteck auf der Insel Jolo gewechselt. Dabei habe er ein Dutzend bewaffnete Männer und die beiden Journalisten mitgenommen. Sie befänden sich allem Anschein nach außerhalb des Kampfgebietes.

Nach Militärangaben gelang es mindestens 70 Rebellen, der Seeblockade vor Jolo zu entkommen und auf die Insel Basilan zu flüchten, die ebenso wie Jolo als eine Hochburg der Abu Sayyaf gilt. Unterdessen bot Andang der Regierung neue Verhandlungen an. Die Rebellen seien zu neuen Gesprächen über die Geiseln bereit, falls die Regierung in Manila die Offensive stoppe, sagte Andang nach Angaben philippinischer Vermittler. Über das Schicksal der 22 Entführten äußerte er sich nicht.

Die beiden französischen ehemaligen Geiseln Stéphane Loisy und Sonia Wendling zeigten sich von dem Angriff der Regierungstruppen "angewidert". Auch während ihrer eigenen Geiselhaft sei von der philippinischen Armee stets größere Gefahr ausgegangen als von den Rebellen. Die finnische Ex-Geisel Risto Vahanen sagte, Manila mache sich mit dieser Aktion selbst unglaubwürdig. In der Gewalt der Rebellen befanden sich neben den beiden Franzosen noch ein US-Bürger, drei Malaysier und 16 Philippiner.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%