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Chirac tritt für zweite Amtszeit an

Er ist seit fünf Jahren Staatspräsident, war zweimal Ministerpräsident, zweimal Minister und viele Jahre Bürgermeister von Paris - und doch fragen sich viele Franzosen: Wer ist eigentlich Jacques Chirac und wofür genau steht der konservative Politiker?

Reuters PARIS. Die Laufbahn Chiracs ist von Drehungen und Wendungen gekennzeichnet. Als Student verkaufte er in den Straßen von Paris die linke Zeitung "L'Humanite". Doch schon wenig später trat er der ultra-nationalen Partei Algerie Francaise bei und kämpfte 1956/57 als Leutnant im Algerien-Krieg. Später wandelte er sich dann zum gemäßigten Gaullisten und leitete das Privatbüro des damaligen Ministerpräsidenten Georges Pompidou. Chirac gehörte der neo-gaullistischen UDR (Union der Demokraten für die Republik) an und war Anfang der 70er Jahre Landwirtschafts- und Innenminister.

1974 riss Chirac die alte gaullistische Bewegung auseinander und unterstützte den Modernisierer Valery Giscard d'Estaing im Präsidentschaftswahlkampf. Giscard gewann und machte Chirac, der ihm in seiner eigenen Amtszeit als Finanzminister als Staatssekretär gedient hatte, zum Ministerpräsidenten. Doch Chirac wandte seinem politischen Mentor bald den Rücken zu: Zum UDR-Generalsekretär gewählt formte er aus der Partei die RPR (Versammlung für die Republik) als seine eigene, neo-gaullistische Plattform.

1976 gab Chirac nach zunehmenden Differenzen mit Giscard sein Amt als Ministerpräsident auf und wurde im selben Jahr zum Bürgermeister von Paris gewählt. In dieser wichtigen Position wurde Chirac zur dominierenden Figur der politischen Rechten. 1981 trat er für das völlig zersplitterte neo-gaullistische Lager als Präsidentschaftskandidat an, schied aber schon im ersten Wahlgang aus. Sieger wurde der Sozialist Francois Mitterrand. Zwei Jahre später wurde Chirac als Bürgermeister von Paris wieder gewählt.

In diese Zeit fällt die Schmiergeldaffäre, die Chirac jetzt im Wahlkampf belastet. Ein damals führender RPR-Politiker sagt, die Partei habe Schmiergelder von Baufirmen angenommen und im Gegenzug lukrative Verträge im sozialen Wohnungsbau geschlossen. Chirac ist den Ermittlungen zufolge zwar nicht direkt in die Affäre verwickelt, doch wird ein ganzes Netz von Einflussnahme vermutet.

1986 siegte die RPR bei den Parlamentswahlen, Chirac wurde erneut Ministerpräsident und ging mit Mitterrand eine von Konflikten geprägte "cohabitation" ein. Zwei Jahre später Chirac trat zurück und kandidierte bei den Präsidentenwahlen erfolgslos erneut gegen Mitterrand.

Bei den Präsidentenwahlen sieben Jahre später siegte Chirac schließlich im zweiten Wahlgang gegen den Sozialisten Lionel Jospin. Seit Jospin 1997 Ministerpräsident wurde, arbeiten er und Chirac in der "cohabitation" zusammen, der von beiden Seiten wenig geliebten Kooperation zweier politischer Gegner. Und nun konkurrieren beide nicht mehr nur in der Tagespolitik. Sie treten erneut bei der Präsidentenwahl am 21. April gegeneinander an und werden sich Umfragen zufolge zwei Wochen später in der Stichwahl gegenüber stehen.

Fraglich ist, ob die Franzosen tatsächlich eine Wahl haben. Als Chirac im Februar seine Kandidatur bekannt gab, versprach er Reformen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern und das Wirtschaftswachstum voranzutreiben, und kündigte Steuersenkungen an. Er sprach sich für eine Europäische Union als Föderation von Nationalstaaten mit jeweils großer Souveränität aus. Doch von Jospin unterscheidet sich Chirac dabei nicht sehr.

Im Wahlkampf warf Jospin dem 69-jährigen Chirac vor, er sei "müde, alternd und von Passivität gekennzeichnet". Chirac habe viel von seiner Energie verloren, sagte Jospin, der selbst 64 Jahre als ist.

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