Chirac wittert Morgenluft
Start frei zum Kopf-an-Kopf-Rennen

In Frankreich beginnt das Wahlmarathon. Zwar wird das Duell letztlich Chirac gegen Jospin heißen, doch beim ersten Wahlgang am Sonntag sind noch 14 weitere Kandidaten im Rennen. Sie werden von den Favoriten schon jetzt heiß umworben, weil sie beim nächsten Wahlgang eine Empfehlung für einen der übrig gebliebenen Kandidaten aussprechen sollen.

PARIS. Jacques Chirac hat seinen Wahlsieg schon in der Nase. Beflügelt von einem knappen, aber seit zwei Wochen stabilen Vorsprung vor seinem Rivalen Lionel Jospin, sagte Frankreichs Präsident diese Woche: "Ich rieche, dass ein Sieg möglich ist." Ob er Recht hat oder nicht, sagt ihm ab Sonntag der Wähler bei der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl.

Auf den ersten Blick hält sich die Spannung in Grenzen. Denn das Ergebnis des ersten Wahlgangs steht bereits fest: Chirac und Jospin werden sich für den zweiten und entscheidenden Wahlgang am 5. Mai qualifizieren. Wer dann aber Präsident wird, der gaullistische Amtsinhaber oder der sozialistische Premierminister, ist völlig offen. "Eine solche Unsicherheit hat es so kurz vor der Wahl noch nie gegeben", sagt Philippe Méchet vom Meinungsforschungsinstitut Sofres.

Gründe für die Ratlosigkeit der Demoskopen gibt es zuhauf. Da ist zunächst die Apathie vieler Franzosen gegenüber dem Duell Chirac - Jospin. Fünf Jahre haben die beiden gemeinsam regiert. Als Amtsinhaber setzten beide früh auf die politische Mitte - was dazu führte, dass mehr als 70 % der Franzosen zwischen den Programmen der beiden Favoriten keinen Unterschied erkennen. In der Tat ist die Ähnlichkeit der Wahlversprechen Chiracs und Jospins frappierend, wenn auch nicht vollkommen.

Die Alternativlosigkeit stößt zahlreiche Wähler ab: Viele flüchten in die politische Abstinenz. Bis zu 30 % könnten den Urnen fern bleiben - Rekord in einem Land, das so stolz ist auf seine demokratische Tradition. Andere kündigen an, für Anti-Establishment-Kandidaten zu stimmen.

Während Chirac und Jospin in den Umfragen zum ersten Wahlgang seit Wochen stetig verlieren, legen Kandidaten wie der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen zu - dank der wachsenden Zahl von "Protestwählern", so der Wahlforscher Jean-Luc Parodi. "Denkzettel" würden die Wähler im ersten Wahlgang verteilen, sekundiert sein Kollege Stéphane Rozès, "Ideologien spielen kaum noch eine Rolle".

Die Rekordzahl von 16 Kandidaten macht es Gaullisten und Sozialisten noch schwerer, ihre Truppen zu einen. Wenn am Sonntagabend um 20 Uhr die Wahllokale geschlossen sind, müssen sich beide Favoriten aufs Kuhhandeln einstellen, um für den zweiten Wahlgang die Unterstützung möglichst vieler kleiner Kandidaten zu ergattern. Die "Kleinen" werden dann nochmal ganz groß.

Für Jospin wird das komplizierter als für Chirac. "Denn wegen ihrer revolutionären Tradition ist die Linke schwieriger zu einen als die Rechte", sagt Pascal Perrineau, Direktor des Forschungszentrums für das politische Leben Frankreichs in Paris. Besorgt beobachten Jospins Wahlkampfmanager, dass die Partner aus Jospins Linkskoalition in den Umfragen stagnieren. Kommunistenchef Robert Hue und der Grüne Noël Mamère kleben an der wenig beeindruckenden Fünf-Prozent-Marke. Doch während sich Jospin auf ihre Unterstützung nach dem ersten Wahlgang wohl verlassen kann, weigert sich die erfolgreiche Trotzkistin Arlette Laguiller kategorisch, ihren Wählern nach der ersten Runde Jospin zu empfehlen. Auch Jospins Ex-Minister Jean-Pierre Chevènement ziert sich. Mit mehr als 6 % knabbert auch der Links-Republikaner empfindlich an Jospins Wählerbasis.

Bisher hat es Jospin nichts genützt, dass er sich flugs zum "Kandidaten des sozialen Fortschritts" umwidmete, um mehr Linke anzuziehen. Bis zu 40 % der Laguiller-Wähler wollen den entscheidenden Wahlgang in zwei Wochen boykottieren. In einem Rennen, in dem es so knapp zugeht, könnte das schon zu viel sein für Jospin. Chirac hingegen kann sich auf die Unterstützung der konservativen und liberalen Kandidaten verlassen. Problematisch für ihn ist allein der Erfolg von Le Pen. Der 73-jährige Doyen der französischen Rechtsextremen hasst Chirac und wird seine Wähler wie schon 1995 kaum auffordern, für Chirac zu stimmen. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass viele Le-Pen-Fans es dennoch tun.

Aber Chirac muss sich hüten vor allzu großer Selbstsicherheit - zumal ihn seine Nase zuletzt getäuscht hat. 1997 löste er das von seinen Verbündeten beherrschte Parlament auf: Er glaubte an eine noch größere Mehrheit. Stattdessen siegte die Linke und Jospin wurde Premier.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%