Chretien: In Bonn "wahrscheinlich keine Einigung"
Trittin wirbt mit Nachdruck für Pronk-Vorschlag

Im Bemühen um eine Rettung des Kyoto-Protokolls hat Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) einen möglicherweise letzten Versuch unternommen, bei der UN-Klimakonferenz in Bonn den öffentlichen Druck auf Schlüsselländer wie Japan zu erhöhen. Wenige Stunden vor dem ursprünglich geplanten Konferenzende warb Trittin am Sonntag vor Journalisten mit Nachdruck für das von Konferenzpräsident Jan Pronk vorgelegte Kompromisspapier.

afp BONN/GENUA. Trotz eigener Bedenken sei die Europäische Union (EU) bereit, die in dem Pronk-Papier enthaltenen "weit reichenden Zugeständnisse" unter anderem an Japan und Kanada zu akzeptieren. "Sie sind der Preis, den wir bereit sind zu zahlen, dass diesem Kompromiss auch andere zustimmen können", sagte Trittin. Am Rande des G-8-Gipfels in Genua stellte Kanadas Ministerpräsident Jean Chretien derweil eine Einigung in Bonn infrage.

Chretien sagte: "In Bonn wird es wahrscheinlich keine Einigung geben". Bonn sei nur "ein Schritt", nicht das Ende der Verhandlungen. Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sagte hingegen in Genua, die Konferenz sei mit dem jüngsten Kompromissvorschlag des Vorsitzenden Jan Pronk "gewaltig vorangekommen". Auf scharfe Kritik stieß die Äußerung des kanadischen Ministerpräsidenten bei Umweltorganisationen am Rande der UN-Konferenz in Bonn. Das internationale Netzwerk "Friend of the Earth" erklärte dazu, Kanada tue "weiterhin sein Bestes", um Fortschritte bei der Bonner Gesprächen zu verhindern.

Entscheidende Bedeutung wurde auf der Bonner Konferenz vor allem Japan beigemessen, über dessen Verhalten zunächst weiter Unklarheit bestand. Ebenfalls offen blieb zunächst, ob die Verhandlungen möglicherweise bis Montag verlängert werden. Trittin betonte, Pronk habe klar gemacht, dass sein am Samstag vorgelegtes 15-seitiges Papier nicht Grundlage für neue Verhandlungen sei. Die Delegationen hätten lediglich die Alternativen, "diesen Vorschlag anzunehmen oder abzulehnen". Trittin nannte die Zustimmung der EU zu dem Pronk-Papier einen "schwierigen Kompromiss". Seine Annahme führe jedoch "letztlich zu einem völkerrechtlich verbindlichen System, das reale Reduktionen von Treibhausgas-Emissionen zur Folge haben wird".

Als Kritikpunkte der EU an dem möglichen Gesamtkompromiss nannte Trittin unter anderem die darin enthaltene Regelung zur Anrechnung von Wäldern auf die Klimabilanz, die vor allem von Japan, Kanada und Russland gefordert worden waren. Der Vorschlag von Pronk berücksichtige die japanischen Wünsche "in vollem Umfang, im Falle Kanadas übertrifft er sie sogar", sagte Trittin. Der Bundesumweltminister äußerte sich überzeugt, dass Pronks Vorschlag das Kyoto-Protokoll "ratifizierbar" mache. "Wir glauben, dass ein besseres Gesamtergebnis durch neue Detailverhandlungen nicht erreichbar ist", fügte Trittin hinzu.

Im Kyoto-Protokoll von 1997 hatten sich 38 Industrieländer verpflichtet, zwischen 2008 und 2012 ihre Emissionen an Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen um durchschnittlich 5,2 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. In Bonn wird seit knapp einer Woche nach Wegen gesucht, das Protokoll nach dem von US-Präsident Georg Bush verkündeten Ausstieg der USA noch zu retten. Ohne Japan oder Russland kann das Kyoto-Abkommen nicht in Kraft treten, da dann das erforderliche Quorum von mindestens 55 Ländern, die für mindestens 55 Prozent der Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich sind, de facto nicht mehr erreichbar wäre.

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