Chris Gibson-Smith ist neuer Chairman der Londoner Börse
Der Mann ohne Eigenschaften

Mit der neuesten Personalie hat die Londoner Börse die Märkte überrascht: Mit Chris Gibson-Smith wird kein ausgewiesener Finanzprofi Chairman. Das lässt tief blicken.

Was fielen nicht alles für Namen bei der Suche eines Nachfolgers von Don Cruickshank, den Ende Juli ausscheidenden Chairman der London Stock Exchange (LSE). Brian Williamson kam ins Spiel, der charmante und knallharte Chairman der Londoner Terminbörse Liffe. Paul Myners war dabei, Autor eines Reports über die (Pensions-)Fonds-Industrie, der bis heute Nachbeben im Finanzsystem auslöst. David Mayhew tauchte auf, Chairman von Cazenove, einem der traditionellsten Broker der City überhaupt.

Fast täglich erweiterte sich die Liste. Alle Kandidaten wiesen langjährige Verflechtungen mit der Finanzszene auf - und alle verband eine Eigenschaft: Sie waren hochprofiliert für einen Job, der für zwei Arbeitstage in der Woche geschätzte 350 000 Pfund im Jahr einbringt. Doch der neue Chairman der LSE heißt anders. Es ist Chris Gibson-Smith.

Wer? Die City zeigt sich ratlos. Er scheint der Mann ohne Eigenschaften zu sein. Weder haben etablierte Analysten je seinen Namen gehört noch wissen sie Näheres über ihn. Die LSE bittet vor einem Gespräch mit Gibson-Smith darum, keine allzu börsenlastigen Fragen zu stellen, weil er sich noch nicht auskenne. Und der Blick in den Lebenslauf des Neuen deutet wenig Affinität zu Finanzthemen an. Der 57-jährige promovierte Geochemiker und Vater zweier Kinder arbeitete fast seine ganze Karriere lang beim britischen Ölgiganten BP. Dort verabschiedete er sich im Jahr 2001 als einer von fünf Managing Directors, die direkt an den Chief Executive Officer berichteten.

Er wird Chairman der teilprivatisierten Luftfahrtkontrollbehörde National Air Traffic Services (NATS), was sich als Himmelfahrtskommando herausstellt. Die Institution leidet unter den Folgen des 11. September, chronischem Geldmangel und wiederholten Systemausfällen. Mehr als einmal drohen Finanzierungs-Gespräche zwischen Regulierer, Flughafenbetreiber und Fluggesellschaften zu kollabieren. Dass die NATS nicht das Schicksal des insolventen Schienennetzbetreibers Railtrack ereilt - bei dem sich Gibson-Smith im Übrigen im Vorfeld als Krisenmanager verweigerte -, ist vor allem ein Verdienst des mittlerweile designierten LSE-Chairman. Erst im März einigt man sich nach zähen, 18-monatigen Verhandlungen auf sein Konzept, sein wichtigster Gegenspieler gibt gleichzeitig entnervt auf.

Die neue Branche mag unterschiedlich sein. Doch es sind diese Eigenschaften, die LSEC-Chefin Clara Furse an Gibson-Smith interessiert haben. Der Markt honorierte die Entscheidung mit leichten Kursgewinnen, und auch Frau Furse rühmte die personelle Lösung als "Zukunftsentscheidung".

Denn der Mann an der Spitze der LSE muss ein geschickter Lobbyist sein, international erfahren im Umgang mit Regierungen und Unternehmen. Er benötigt Management-Talent genau wie Hartnäckigkeit, und er muss kommerziell fokussiert sein. Cruickshank lamentierte gerne und zunehmend plump über Stempelsteuer, Abwicklungs-Modelle und Auswüchse der Medienberichterstattung.

Im Jahr 2003 benötigt die Londoner Börse als wichtigster Aktienmarkt in Europa mehr von ihrem Chairman. Das Institut muss sich auf die anstehende Konsolidierung auf dem Kontinent vorbereiten. Und sie muss alles dafür tun, dass sie nicht nur als Beute ihrer Konkurrenten Euronext und Deutsche Börse dient - was viele Analysten vermuten. So gut es auch im operativen Geschäft läuft, so sehr hat Frau Furse bei den großen strategischen Aufgaben bisher versagt - wie die gescheiterte Übernahme der Terminbörse Liffe am deutlichsten zeigt.

Gibson-Smith könnte genau diese Lücke ausfüllen. Er kann mit Konkurrenz umgehen. In der Branche gilt er als kommunikativ, offen und zugänglich. Dass er bei BP die milliardenschweren Technologie- und IT-Etats verantwortete, sollte einem Unternehmen mit elektronischem Handelsbetrieb ebenfalls zugute kommen. Gibson-Smith gilt zudem als harter Arbeiter, der auch in der Zeit bis Juli vermutlich wenig Muße für sein Hobby Tauchen haben wird. Vielleicht reicht es gerade einmal für eine gelegentliche Tennis- oder Golfpartie.

Die nächsten Monate dürfte er dazu nutzen, in die LSE-Struktur einzutauchen. Er will die Mitglieder des Vorstands genauer kennen lernen, sich mit Aktionären treffen und einen Überblick über die Industrie bekommen. Zudem will er sein Amt als Non-Executive Director der drittgrößten britischen Bank Lloyds TSB ebenso beibehalten wie eine ähnliche Tätigkeit bei British Land, einer der größten Immobilienfirmen des Landes.

Nun muss er dem Markt neben dem Namen Gibson-Smith nur noch ein Gesicht geben. Auf das vermeintliche Manko angesprochen, dass ihn kaum jemand in der City kennt, reagiert der Angesprochene selbstbewusst: "Ich bin mir sicher, dass sich das in einigen Monaten geändert hat." Seine bekennende Vorliebe zu Wagner-Opern deutet ebenfalls an, dass er nicht lange der Mann ohne Eigenschaften bleiben wird.

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