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Chronik einer gescheiterten Fusion

Reuters FRANKFURT. Die Pläne der Börsen London und Frankfurt, sich zum größten europäischen Finanzmarkt zusammenzuschließen, sind vorerst gescheitert. Nachdem die beiden Gesellschaften trotz wachsender Probleme und zunehmender Kritik bis zuletzt an der Fusion festgehalten hatten, teilte die London Stock Exchange (LSE) am Dienstag mit, sie ziehe sich aus dem Vorhaben zurück.



Nachfolgend eine Chronologie der Ereignisse um die geplante Fusion der beiden Handelsplätze: 7. Juli 1998 - Die LSE und die Deutsche Börse AG vereinbaren eine Kooperation zur Entwicklung einer einheitlichen regionalen Handelsplattform für Europas Top-300-Unternehmen.



September 1998

- London, Frankfurt und sechs weitere Börsenplätze vereinbaren grundsätzlich eine Zusammenarbeit für eine pan-europäische Allianz mit einheitlichem Regelwerk und einheitlicher technischer Abwicklung.



20. März 2000

- Die Handelsplätze Paris, Amsterdam und Brüssel geben ihre Fusion zu einer Börsenallianz namens Euronext bekannt.



3. Mai 2000

- Die LSE und die Deutsche Börse kündigen ihre Fusion zur gemeinsamen Börsengesellschaft iX mit Sitz in London an. Zugleich schließen die beiden zu gleichen Teilen beteiligten Partner eine Absichtserklärung mit der US-Technologiebörse Nasdaq zum Aufbau eines gesamteuropäischen Gesamtmarktes für Wachstumswerte mit Sitz in Frankfurt.



4. Mai 2000

- Der designierte Chef der iX, Werner Seifert, spricht von einem für Anfang 2001 geplanten Listing der neuen Börsengesellschaft.



17. Mai 2000

- An den Finanzplätzen der beiden Fusionspartnern formiert sich Widerstand gegen den Zusammenschluss. Der stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Deutschen Börse AG, Manfred Zaß, kündigt an, der Fusion nicht zuzustimmen, falls sich eine Vormachtsstellung Londons abzeichne.



19. Mai 2000

- Das Bundesland Hessen meldet Aufklärungsbedarf zu der geplanten Fusion an. Wirtschaftsminister Dieter Posch stellt in einem Brief in der "Börsenzeitung" abgedruckten Brief 14 Fragen, die vor allem auf die Stellung der Deutschen Börse innerhalb von iX abzielen. Gleichzeitig äußert das Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Börse Alfred Moeckel Bedenken, dass der Schwerpunkt zu stark nach London verlagert werden könnte.



23. Mai 2000

- Der 21-köpfige Aufsichtsrat der Deutschen Börse billigt die Fusion mit großer Mehrheit. 17 Mitglieder stimmen für die Pläne, vier enthalten sich.



24. Mai 2000

- Eine Gruppe von Vertretern kleinerer und mittlerer Broker aus London melden Bedenken gegen die Fusion an und fordern konkrete Informationen über mögliche Mehrkosten in den Handelsbüros.



26. Mai 2000

- Die britische Fondsmanagerorganisation FMA fordert einheitliche, vom Standort unabhängige Regularien für den Wertpapierhandel an der iX. Zweifel über die in Einklang zu bringenden unterschiedlichen Standards in London und Frankfurt werden laut.



7. Juni 2000

- Die New Yorker Börse bestätigt Gespräche mit der Tokioter Börse und anderen großen Handelsplätzen zur Schaffung eines globalen Aktienmarktes. Ziel ist ein 24-Stunden-Handel rund um den Erdball.



11. Juli 2000

- Tradepoint und die Schweizer Börse bündeln ihre Kräfte zur Gründung einer alternativen pan-europäischen Aktienhandelsplattform.



12. Juli 2000

- Die Mehrheit des Deutsche Börse Aufsichtsrates stimmt auf dem letzten vorgesehen Treffen vor der endgültigen Abstimmung der Aktionäre am 14. September den Fusionsbedingungen zu.



17. Juli 2000

- London und Frankfurt geben in einem Informationsprospekt Details zur Fusion bekannt. Zudem prüfen die beiden Partner nach eigenen Angaben eine Vollfusion mit der Nasdaq. Der Londoner Brokerverband kritisiert den iX-Prospekt als unzulänglich.



24. Juli 2000

- LSE-Aktien werden an der Londoner Börse eingeführt.



11. August 2000

- Die Finanzgruppe Guiness Peat (GPG) baut ihre Beteiligung an der LSE aus. Die Gruppe gilt als Gegner der geplanten Fusion.



17. August 2000

- Die für die Fusion gestimmte Schweizer Investmentbank UBS Warburg vergrößert ihre Beteiligung an der LSE um mehr als das Doppelte.



21. August 2000

- Die zuständigen Finanzmarktaufsichtsbehörden fordern die Partner in London und Frankfurt dazu auf, die notwendige Marktintegrität und-transparenz sowie einen hinreichenden Anlegerschutz bei der Fusion sicher zu stellen.



25. August 2000

- Die Fusionspläne geraten ins Wanken, als der schwedische Finanzmarktbetreiber Om Gruppen ein Übernahmeangebot für die LSE ankündigt. Der Maklerverband Apcims plädiert für eine Verschiebung der Abstimmung über die Fusion.



29. August 2000

- Die OM Gruppen legen ein Übernahmeangebot für die LSE in Höhe von umgerechnet 2,5 Milliarden Mark vor. Das formale Angebot soll laut Gruppenchef Stenhammer in 28 Tagen veröffentlicht werden. Der LSE-Großaktionär Guinness Peat weist das OM-Angebot als "nicht ausreichend" zurück.



30. August 2000

- Die Deutsche Börse hält die Fusion zu iX auch nach dem Übernahmeangebot der schwedischen OM-Gruppen für nicht gefährdet. Es kommen Spekulationen auf, dass die Deutsche Börse der LSE im Falle eines feindlichen Übernahmeversuchs als "Weißer Ritter" der LSE zu Hilfe eilen könnte. Nach Einschätzung von Deutsche-Börse-Aufsichtsratschef Rolf Breuer sei es verfrüht über ein Gegenangebot für die LSE zu sprechen.



11. September 2000

- Die schwedische OM-Gruppen legt den Prospekt für ein formelles LSE-Kaufangebot vor, was die LSE erneut zurückweist. Die Deutsche Börse verschiebt die für Donnerstag geplante Hauptversammlung zur Abstimmung über den Zusammenschluss mit der LSE.



12. September 2000

- Die London Stock Exchange zieht sich mit der Begründung, sich auf die Abwehr des feindlichen Übernahmeangebots des schwedischen Börsenbetreibers OM-Gruppen konzentrieren zu müssen, aus dem Fusionsvorhaben zurück. Die Deutsche Börse nimmt dies mit Bedauern zur Kenntnis und kündigt an, Handlungsalternativen zu prüfen.

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