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Chronischer Realitätsverlust

Wann werden die Amerikaner den Irak wieder verlassen? Auf diese Frage hören wir von US-Präsident George W. Bush bisher nur vage Antworten. Und das ist auch gut so.

Wann werden die Amerikaner den Irak wieder verlassen? Auf diese Frage hören wir von US-Präsident George W. Bush bisher nur vage Antworten. Und das ist auch gut so. Die Amerikaner sollten sich aus dem Zweistromland erst dann zurückziehen, wenn mindestens drei Voraussetzungen erfüllt sind: die vollkommene Entwaffnung und Entmachtung des alten Regimes, der Aufbau einer funktionierenden Übergangsverwaltung und ein nationaler Konsensus für demokratische Wahlen. Das alles wird nicht so schnell zu erreichen sein, wie die meisten Europäer momentan meinen. Schon allein deshalb bahnt sich neuer Streit mit den USA an, noch bevor wir den alten richtig begraben haben.

Gerade wir Deutschen sollten aber begreifen, dass der Irak eine längere Phase der "re-education" braucht, bevor sich die Amerikaner guten Gewissens auf den Weg nach Hause machen können. Das Baath-Regime kann man in vieler Hinsicht mit der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland vergleichen. Mit dem Sturz Saddams sind die geistigen und moralischen Verheerungen des Regimes genauso wenig beseitigt, wie es der Nationalsozialismus mit dem Tod Hitlers war. In Deutschland vergingen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges vier Jahre, bevor der erste Bundestag gewählt wurde; unsere volle Souveränität erlangten wir erst mit der Wiedervereinigung 1990. Auch der Irak sollte nur schrittweise in die Souveränität entlassen werden.

Gegenwärtig leben die meisten Iraker in einem "Traumland". So nennt der Historiker Wolfgang Schivelbusch in seinem glänzenden Buch "Die Kultur der Niederlage" Verlierernationen, die sich unmittelbar nach dem Ende des Krieges "als kathartisch gereinigt fühlen, frei von aller Verantwortung und Schuld, die dem verjagten Tyrannen aufgeladen wird". Genau dieses Gefühl beherrscht gegenwärtig die Straßen von Bagdad und Basra: Die USA haben uns vom Despotismus Saddams befreit, nun können sie gehen.

Doch die Amerikaner werden in Wahrheit noch viele Monate, wenn nicht Jahre gebraucht, um den Irak zu stabilisieren: Solange die Überreste des Baath-Regimes nicht vollständig ausgerottet sind, würde das Land ohne die Besatzungsmacht wahrscheinlich in eine neue Form der Despotie taumeln. Der Krieg würde seine wichtigste moralische Berechtigung im Nachhinein verlieren, wenn sich die USA mit der Errichtung eines Gottesstaates oder einer anderen Schreckensherrschaft im Irak abfinden würden. Das können auch die europäischen Demokraten, die sich gegen den Krieg gestemmt haben, nicht ernsthaft wollen.

Auch im Irak geht es, wenn auch unter besseren Prämissen als in Afghanistan, um "nation building". Bisher verweigern sich große Teile der schiitischen Mehrheit der Einsicht in die Notwendigkeit einer völlig neuen Ordnung. Das war im Mai 1945, wie viele inzwischen vergessen haben, in Deutschland auch nicht anders. Nach Jahrzehnten der Abschottung und Propaganda sollte man sich nicht wundern, dass viele Iraker die Amerikaner als Besatzer und nicht als Befreier empfinden. Auch das war in Deutschland genauso. Der chronische Realitätsverlust, den Diktatoren ihren Völkern verordnen, verschwindet nicht schnell - und er verschwindet nicht von selbst. In einem Klima von Hass und religiösen Ressentiments, von Verschwörungstheorien und Ohnmachtsphantasien gelingt kein Wiederaufbau.

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