CIIA frisst weniger Zeit
Alle gegen Einen

Nach den Skandalen um Enron & Co. wollen sich die europäischen Analysten vom einstigen Vorbild USA frei schwimmen. Ein neues Berufsdiplom soll dem etablierten US-Abschluss Paroli bieten. Ab Februar wird es in Frankfurt angeboten.

Der Kapitalmarkt gleicht dem Markt für Flugzeugbau. Das findet zumindest Professor Otto Loistl. "Vor 20 Jahren dominierte Boeing klar den Weltmarkt", erklärt der Vorstand des Instituts für Finanzierung und Finanzmärkte an der Wirtschaftsuniversität Wien. "Doch dann schlossen sich die Europäer zusammen, nutzten die Defizite der amerikanischen Firma aus und bauten mit Airbus erfolgreich auf ihre eigenen Stärken."

Airbus als Vorbild - die Vorstellung fasziniert Loistl. Denn der wissenschaftliche Leiter der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA) hat sich Ähnliches auf die Fahnen geschrieben: den Angriff auf die US-amerikanische Vorherrschaft im Kapitalmarktwesen. Sein Berufsverband will dem angesehenen US-Berufsdiplom CFA (Chartered Financial Analyst) für Finanzmarktexperten Paroli bieten.

Von 2003 an bietet die DVFA eine Weiterbildung speziell für nicht-angelsächsische Finanzfachleute an: das weltweit anerkannte Diplom zum Certified International Investment Analyst, kurz CIIA. Vergeben wird der Abschluss bereits seit einigen Jahren vom globalen Berufsverband ACIIA, dem europäische, asiatische und südamerikanische Analystenverbände mit mehr als 30 000 Mitgliedern angehören.- unter anderem aus China, Brasilien, Hongkong, Indien, Japan und Russland.

Ab Februar können nun auch Deutsche das Diplom in Frankfurt absolvieren. Der Rest der Welt gegen die USA: Nach Bilanzfälschungen und Betrugsskandalen in den Vereinigten Staaten gehört Kritik am einstigen Vorbild im Börsen- und Finanzwesen zum guten Ton. "Nach Enron & Co. fühlen wir uns bestätigt", sagt DVFA-Leiter Loistl. "In den USA ist auch nicht alles Gold, was glänzt." Jüngster Beweis: die Rücktritte von Harvey Pitt als Chef der US-Börsenaufsicht sowie von William Webster als Aufsichtschef der Wirtschaftsprüfer. Es sei höchste Zeit für eine Alternative zum US-lastigen Berufsdiplom CFA-Abschluss. Der CIIA setzt genau da an. Er soll das spezielle Wissen vermitteln, das im europäischen Finanzwesen vonnöten ist.

Zielgruppe sind Fach-, Führungs- und Nachwuchskräfte aus den Bereichen Investmentbanking, Vermögensverwaltung, Private Banking und Wirtschaftsprüfung. Bisher hatten diese Berufsgruppen lediglich die Wahl zwischen dem CFA und dem europäischen Abschluss Cefa. Jetzt gilt: zwei Fliegen, eine Klappe. Wer den CIIA macht, bekommt automatisch den Cefa dazu.

"Think global, act local", so beschreibt der DVFA-Direktor das Motto des neuen Qualifizierungsprogramms. Die Prüflinge müssen drei verschiedene Examina bestehen. Das National Exam betrifft deutsche und europäische Themen wie Kapitalmarktrecht und Marktstrukturen. Das Foundation Exam ist auf global ausgerichtete Inhalte wie internationale Rechnungslegung und Portfolio-Management spezialisiert. Das Final Exam verlangt das Bearbeiten globaler Fallstudien für einzelne Marktsegmente. Im Fokus des Berufsdiploms steht das europäische Kapitalmarktrecht, das sich signifikant vom amerikanischen unterscheidet. "Hier bestehen die größten Wissensdefizite", so Loistl.

Nicht nur inhaltlich setzt der CIIA andere Akzente als der CFA. Auch die Lehrpraxis sieht anders aus. "Beim CFA geht es ums Auswendiglernen von Faktenwissen und Schlagworten", lästert Loistl. "Die Ausbildung schult nicht die analytischen Fähigkeiten." Dagegen setzt der CIIA auf methodisches Lernen, um für alle Fälle in der Berufspraxis gerüstet zu sein.

Zwei Drittel der 32 Dozenten kommen aus der Praxis. Weiterer Vorteil: Der CIIA frisst weniger Zeit. Während sich der CFA drei Jahre lang hinzieht, können CIIA-ler die Sache in acht Monaten durchziehen. Außerdem setzt der euro- päisch-asiatisch-südamerikanische Ansatz nicht auf ein Eigenstudium, sondern bietet 220 Unterrichtsstunden mit intensiver Betreuung nach festem Zeitplan. Daher müssen die Prüflinge auch etwas tiefer in die Tasche greifen. Während der CFA für rund 9 000 Euro zu haben ist, schlägt der CIIA mit rund 11 000 Euro zu Buche.

Kein Pappenstiel. Doch in der Praxis kann sich das Examen als wertvolle Investition erweisen. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Investmentbanker ist alles andere als rosig. Im Zuge der allgemeinen Bankenkrise setzen die Firmen Tausende Mitarbeiter auf die Straße.

"Nur wer sich rechtzeitig qualifiziert, überlebt im globalen Kapitalmarkt", so Loistl. Und das geht kaum nebenbei. "Der hohe berufliche Leistungsdruck verhindert in der Regel eine Qualifizierung über ein Training-on-the-job." So kann sich der CIIA als sicherer Hafen in trüben Fahrwassern erweisen, wie ein ehemaliger Absolvent aus der Schweiz weiß. "derzeitigenIn dieser Lage am Arbeitsmarkt trägt der Abschluss dazu bei, meinen Job zu sichern", sagt Rainer Amacker, Investment Advisor bei der UBS in Zürich. Der eidgenössisch diplomierte Bankfachmann absolvierte den CIIA bereits im März dieses Jahres.

Auch Deutsche möchten im globalen Wettbewerb um Jobs nicht länger hintanstehen und den Abschluss für ihre persönliche Karriere nutzen. "Der CIIA wird zwar nicht von meinem Arbeitgeber gefordert", erklärt Ulrike Hummel, Leiterin Monitoring im Finanzcontrolling der Allianz Lebensversicherung in Stuttgart. "Aber unser Geschäft wird immer internationaler, da bringt mir der Abschluss das zusätzliche Wissen, das ich brauche, um über den deutschen Tellerrand hinausblicken zu können." Aus diesem Grund hat sich die 42-Jährige für den ersten deutschen Ausbildungsjahrgang angemeldet.

Schafft es der CIIA, sich gegen das etablierte amerikanische Diplom durchzusetzen? Die Erfolgschancen stehen nicht schlecht. "Ich bevorzuge den CIIA, weil er im europäischen Raum verwurzelt ist und die Teilnehmer daher wertvolle Kontakte mit potenziellen Geschäftspartnern knüpfen können", sagt Justin Barnebeck, Head of Sales beim Hamburger Bankhaus MM Warburg und zuständig für die Weiterbildung der Anlageberater. "Im angelsächsischen Raum allerdings wird der CFA das Maß aller Dinge bleiben", glaubt der Banker.

Das weiß auch DVFA-Leiter Loistl. "Die Amerikaner sind sehr stark von sich überzeugt." Trotzdem trägt er das neue Selbstbewusstsein der Europäer zur Schau. Er würde sich sogar in die Höhle des Löwen wagen. Seine Idee: den CIIA in den USA anbieten. "Bisher hat der CFA in den USA einen viel höheren Bekanntheitsgrad", gibt der Verbandsmann zu. "Aber lassen Sie mal fünf Jahre ins Land gehen. Da sieht die Sache schon ganz anders aus."

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