City Talk
Alles nur Glücksspiel

Roel Campos sollte in den nächsten Monaten vielleicht besser auf Reisen nach London verzichten. Der Kommissar der mächtigen US-Börsenaufsicht SEC hat sich jede Menge Feinde in der City gemacht. Sein Vergehen: Campos bezeichnete die Londoner Wachstumsbörse AIM als Kasino.

Die Auseinandersetzung ist nur ein kleines Scharmützel im großen Krieg der Worte zwischen den konkurrierenden Finanzmetropolen London und New York. Dabei geht es im wesentlichen um Folgendes: London nimmt der Wall Street immer mehr Marktanteile ab, weil vielen Spielern am Kapitalmarkt die US-Börsenregeln zu streng sind. Die verbitterten New Yorker machen aus ihrem Herzen keine Mördergrube und schießen wie Campos verbal zurück: Die laxen Londoner Börsenregeln würden sich eines Tages schon noch in Form von Pleiten, Skandalen und Kurskatastrophen rächen. Campos Bemerkung ist natürlich hemmungslos polemisch; aber handelt es sich tatsächlich nur um die billige Retourkutsche eines vom Neid zerfressenen Konkurrenten?

Tatsächlich tummelt sich am AIM eine ausgesprochen exotische Mischung an Aktien. Da ist zum Beispiel die Firma Subsea Ressources, die den Anlegern verspricht, Schätze aus untergegangenen Schiffen zu bergen. Seit dem Börsengang ist der Kurs von Subsea fast so tief gesunken, wie die Wracks, nach denen das Unternehmen zunehmend verzweifelt sucht. Deutlich besser ist es der Asian Citrus Holdings ergangen, dem ebenfalls am Alternative Investment Market (AIM) notierten größten chinesischen Orangenzüchter. Und natürlich haben sich an der Kasinobörse alle möglichen Glücksspielanbieter eingenistet. Von Amazing Holdings, die ein Kasino in Taiwan bauen wollen, obwohl Glücksspiel dort noch verboten ist, bis zur Weather Lottery, die Wetten auf die Temperaturen in sechs Städten rund um den Globus anbietet.

Und das klingt tatsächlich nach Kasino-Kapitalismus? Natürlich, aber genau das ist die Aufgabe einer Wachstumsbörse. Hier suchen (hoffentlich) erfahrene Anleger nach ausgefallenen Investitionsideen abseits der ausgetretenen Pfade, Investmentideen mit hohen Renditechancen – aber natürlich auch mit hohen Risiken. Wer in ein Unternehmen wie Subsea investiert, das sein Geld mit Schatzsuche verdient, müsste eigentlich ahnen, dass es sich nicht unbedingt um ein Witwen- und Waisenpapier handelt.

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