City Talk
Auf Leben und Tod

Ist die Finanzkrise der schmerzhaften Lust am Verlieren geschuldet? Trotz oder gerade wegen der Subprime-Krise und ihrer Katharsis wittern einige Investment-Banken das nächste "heiße Ding", ein neues Milliardengeschäft rund um das Thema "Langlebigkeitsrisiko". Das Wetten auf den frühen Tod des Mitmenschen - eine neue, komplexe Gefahr.

HB. Wahrscheinlich war der russische Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski der erste, der beobachtet hat, was heute als erwiesen gelten kann: Echten Spielern geht es eigentlich nicht um den Kick des Gewinnens, sondern um die schmerzhafte Selbstreinigung des Verlierens. Jenen Zustand also, den die alten Griechen als Katharsis bezeichnet haben.

Dieser Effekt lässt sich natürlich nicht nur im Kasino erzielen, auch die Kapialmärkte waren in den vergangenen Wochen für die ein oder andere Katharsis gut. Nehmen wir also einmal an, dass sich Dostojewkis Zocker-Theorie einfach eins zu eins auf die Finanzbranche übertragen lässt. Dann wäre die Kredit-Krise, die noch immer die Welt in Atem hält, gar kein Unfall, sondern schlicht der schmerzhaften Lust am Verlieren geschuldet. Leider steht das Roulette-Rad der Kreditderivate nach den Verwerfungen der Subprimekrise erst einmal still.

Doch die Spieler müssen sich keine Sorgen machen, denn die Banken haben die Pläne für das nächste "heiße Ding" bereits in der Schublade. Es geht um existenzielle Fragen, es geht um Leben und Tod, ganz im Sinne von Dostojewski. Einige Investmentbanken wittern bereits ein neues Milliardengeschäft mit dem, was Versicherungsexperten "Langlebigkeitsrisiko" nennen. Ein Begriff, der es nicht ganz zu Unrecht auf die Liste der Unwörter des Jahres geschafft hat. Das "Risiko" stellt sich wie folgt dar: Die Menschen werden immer älter und verbrauchen mehr Geld, als in den Pensionskassen ursprünglich für sie eingeplant war. Viele Banken basteln deshalb an Langlebigkeitsderivaten. Mit denen können Versicherer das Risiko der steigenden Lebenserwartung an den Kapitalmarkt auslagern.

Sollten die Rentner ein vorher bestimmtes Alter überschreiten, bekommen die angespannten Pensionskassen Geld von den Investoren, die die Derivate gezeichnet haben. Doch werden die Investoren die Derivate auch wirklich kaufen? Abgesehen von der Frage, ob es besonders geschmackvoll ist, auf den frühen Tod von Mitmenschen zu wetten, haben die Anleger vielleicht nach den reinigenden Subprime-Erfahrungen gar keine Lust mehr auf komplexe Risiken, die nur schwer zu verstehen sind. Wohl eine unbegründete Sorge: Echte Spieler zieht es immer zurück an den Tisch, und die nächste Katharsis kommt bestimmt.

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