City talk
Bier oder Bonus

Es gibt ein einfaches Konjunkturbarometer für die Lage der Investmentbanken in der Londoner City, weit zuverlässiger als all die verbalen Beruhigungspillen oder finsteren Weltuntergangsszenarien, die derzeit die Runde machen. Man verabredet sich einfach mit einem Banker auf ein Bier nach Feierabend.
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Kann der Banker "heute und morgen gar nicht, und übermorgen frühestens ab acht oder halb neun", dann ist alles in Ordnung: Den Geldhäusern geht es gut, die Bonuszahlungen steigen weiter, und die Institute stellen fleißig neues Personal ein.

Lautet die Antwort aber, "ja klar, kein Problem, wie wär?s denn heute so gegen sechs?", dann muss man anfangen, sich Sorgen zu machen. Im Moment füllen sich nicht nur die Pubs in der City zu einer Tageszeit, die noch vor einigen Monaten als unchristlich gegolten hätte, auch Golfplätze in und um London melden Hochkonjunktur.

Schuld an der ungewohnten Freizeit ist natürlich die Kreditkrise, vielen Bankern geht die Arbeit aus, in den meisten Bereichen ist das Geschäft eingebrochen, andere Märkte sind noch immer quasi geschlossen. Bislang halten sich die meisten Banken mit Entlassungen noch zurück, doch das könnte sich schnell ändern, wenn das Geschäft nicht bald wieder anspringt, wofür wenig spricht. Die neuesten Schätzungen gehen davon aus, dass die Krise die City bis zu 10000 Jobs kosten könnte, das wären etwa ein Drittel mehr als bislang befürchtet. Entsprechend mies ist die Stimmung, trotz oder gerade wegen der neuen 40-Stunden-Woche im Investment-Banking.

Aber wie alles im Leben ist auch die befürchtete Entlassungswelle relativ. Selbst wenn am Ende wirklich 10000 Jobs in der City verschwinden sollten, wären das nur drei Prozent aller Stellen. Zum Vergleich: Als der Internetblase die Luft ausging fielen prozentual fast doppelt so viele Jobs weg. Seit dem Platzen der Technologieblase sind im Londoner Finanzzentrum fast 30000 neue Arbeitsplätze entstanden, die Investmentbanken haben sich neue Märkte erschlossen und stehen auf einer viel breiteren Erlösbasis als Anfang des Jahrzehnts. Daran ändert auch die Kreditkrise nichts, vorerst zumindest. Sollte das Eis an den Märkten aber auch in der zweiten Hälfte des Jahres nicht schmelzen, dann dürften die befürchteten 10000 Entlassungen nur ein Zwischenstand sein

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maisch@handelsblatt.com

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