City Talk
Britischer Sinneswandel

Übernahmen sollten der Diener der Strategie sein, und nicht die Strategie beherrschen. Lange hat sich John Varley, Chef der britischen Großbank Barclays, an seine eigene Devise gehalten, und damit ist er nicht schlecht gefahren. Doch um den niederländischen Konkurrenten ABN Amro zu kaufen wirft Varley plötzlich seine alten Vorsätze über den Haufen.

Barclays zählt zu den wenigen Banken, die ohne großzügige Zukäufe den Sprung unter die Top-20 der Geldbranche geschafft haben. Dass Varley und seine Vorstandskollegen in der Lage sind, Geschäftsfelder aus eigener Kraft auf- und auszubauen zeigt der rasante Aufstieg der Investment-Banking-Sparte zu einem der ganz großen Spieler am Anleihemarkt.

Doch plötzlich wirft Varley seine alten Vorsätze über den Haufen, um den niederländischen Konkurrenten ABN Amro zu kaufen. Für viele in der Londoner City kam der Strategiewechsel völlig überraschend. Bleibt die Frage nach dem Warum und vor allem nach den Risiken des Sinneswandels. Die Übernahme würde Barclays aus dem Stand unter die Top-Fünf in der Finanzbranche katapultieren – sicherlich eine verführerische Option. Zumal wenn man, wie Varley, an die These glaubt, dass das internationale Bankgeschäft in Zukunft von einer Hand voll großer Spieler beherrscht wird.

Doch viele Barclays-Aktionäre machen sich Sorgen, ob sich die Briten nicht zu viel zutrauen. Immerhin macht sich dank der selbst auferlegten Disziplin was große grenzüberschreitende Übernahmen angeht, ein in Sachen Mega-Deals völlig unerfahrenes Management-Team an die größte europäische Bankenfusion. Dazu kommt die Tatsache, dass zu den wenigen Pannen in der jüngeren Barclays-Geschichte ausgerechnet eine Übernahme zählt. Vor sieben Jahren schluckte die Großbank den britischen Baufinanzierer Woolwich für 5,4 Milliarden Pfund. „Viel zu viel Geld“ – klagen heute nicht nur die Analysten von Merrill Lynch. Außerdem hat das Barclays-Management die Integration des teuren Zukaufs viel zu lange schleifen lassen.

Für Varley und seine Kollegen gibt es dennoch einen guten Grund, den ABN-Deal mit voller Kraft voran zu treiben. Vereint wären die zwei Banken ein Brocken, an dem sich wohl jeder übernahmehungrige Konkurrent verschlucken würde. Alleine könnte Barclays sehr schnell selbst zum Ziel aggressiver Aufkäufer werden. Die Bank of America soll die Briten schon sehr genau unter die Lupe genommen haben.

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