City Talk
Browns Werte

Niemand war überrascht, als Englands Premier Tony Blair ankündigte, dass er im Juni seinen Stuhl zugunsten des bisherigen Finanzministers Gordon Brown räumen werde. Eine Überraschung könnte es am Ende für die bislang von Brown verwöhnte FInanzwelt aber doch geben – schließlich gilt es, eine Wahl zu gewinnen.

Der König ist tot – es lebe der König. Seit vergangenem Donnerstag ist das am schlechtesten gehütete Geheimnis der britischen Politik offiziell gelüftet: Tony Blair wird Ende Juni seinen Posten als Premierminister aufgeben und Platz für seinen Parteifreund und ewigen Rivalen Gordon Brown machen.

Damit wird endlich wahr, was die beiden Labour-Politiker vor fast genau 13 Jahren bei einem Dinner im Nord-Londoner Restaurant Granita verabredet haben sollen. Damals ließ Brown Blair den Vortritt als Labour-Parteichef und bekam dafür die Zusage, dass er den Premierminister einst beerben werde – so zumindest will es die politische Legende; offiziell wurde der Granita-Deal nie bestätigt.

Der seit 13 Jahren geplante Führungswechsel kommt ungefähr so überraschend wie der Juni auf den Mai folgt. Könnte Browns Griff nach der Macht für die Londoner City und ihre Banker dennoch eine böse Überraschungen bergen?

Auf den ersten Blick scheint die Annahme absurd. In seiner zehnjährigen Amtszeit als Finanzminister hat sich Brown einen Ruf als Schutzheiliger der City erworben. Der Schotte ist sich sehr genau bewusst, dass die Finanzbranche die letzte Schlüsselindustrie ist, die der britischen Wirtschaft geblieben ist.

Mit seismographischer Sensibilität messen Brown und seine Gehilfen jede noch so kleine Verschiebung in der Wettbewerbsfähigkeit der globalen Finanzzentren und steuern gegen, falls London ins Hintertreffen zu geraten droht.

So war das zumindest bisher. Doch jetzt zieht Brown in die Downing Street Nummer zehn um, und damit ändert sich seine Arbeitsbeschreibung ganz erheblich. Als Premierminister muss er vor allem den kontinuierlichen und immer dramatischeren Popularitätsverlust von Labour stoppen, und das in einer Zeit, in der der wirtschaftliche Boom, der Großbritannien so lange verwöhnt hat, langsam aber sicher auszulaufen droht.

Schon bald wird Brown seine Partei in den nächsten großen Wahlkampf führen. Sehr gut möglich, dass der neue Premier die alten „linken“ Labour Werte aus der Mottenkiste holt, wenn das den Machterhalt sichert. Auf ihren ehemaligen Schutzheiligen kann sich die City nicht verlassen. Auch wenn Brown ein alter Bekannter ist, jetzt beginnt ein neues Spiel.

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