City Talk
Das Medium als Mehrwert

Sind Journalisten und Zeitungsleser eine aussterbende Spezies? Die Titelstory des „Economist“ zeichnet ein eher düsteres Bild der Printmedien und sorgt damit in der Londoner City für lebhafte Diskussionen.

LONDON. Bange machen gilt nicht. Am vergangenen Mittwoch beschäftigte sich mein Kollege Frank Wiebe an dieser Stelle mit der vom „Economist“ konstatierten Agonie der Tageszeitungen und zeichnete ähnlich wie das britische Wochenblatt für den intellektuellen Ökonomen ein eher düsteres Bild des Mediums, das Sie gerade in der Hand halten. Sind wir, die wir für diese Zeitung schreiben, und Sie, die sie lesen, tatsächlich eine aussterbende Spezies?

Keine Angst, diese Kolumne soll nicht zur Nabelschau verkommen. Aber die Titelstory des „Economist“, hat auch in der Londoner City lebhafte Diskussionen ausgelöst – zumal die britischen Banker, wenn sie nach des Tages Müh und Last mit Bus und Bahn nach Hause fahren, seit kurzem gleich von zwei brandneuen Gratiszeitungen beglückt werden. Allein die Tatsache, dass große Verlage trotz des brutalen Wettbewerbs den Mut für solche Projekte aufbringen, zeigt, dass gedruckte Informationen noch nicht völlig aus der Mode sind – auch wenn es schon ohne Journalisten geht, wie folgendes Beispiel zeigt.

Der Finanzinformationsdienst Thomson Financial lässt inzwischen Meldungen über die Ergebnisse von US-Unternehmen von Computern schreiben. Die sind so schnell, dass die Nachricht bereits 0,3 Sekunden nachdem die Firma ihre Zahlen veröffentlich hat, fix und fertig ist. Bestimmt sind diese Blitz-Meldungen wiederum für Computer, die sie auswerten und nach vorher festgelegten Regeln mit Aktien oder Derivaten handeln. Maschinen schreiben für Maschinen, die Geschäfte machen, die von Maschinen abgewickelt werden. Das klingt wie das endgültige Ende des Wirtschaftsjournalismus.

Doch schon der Dichter Friedrich Hölderlin wusste, „wo die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch“. Denn Thomson automatisiert zwar den Journalismus, will ihn aber gar nicht abschaffen. Im Gegenteil der Informationsdienst stellt sogar neue Reporter ein. Der Computer ist nur für die nackten Zahlen zuständig, die menschlichen Kräfte liefern den Mehrwert in Form von Einordnung und Analyse.

Das Beispiel zeigt, warum ich, abgesehen von egoistischen Motiven, optimistisch für den Qualitätsjournalismus und am Ende auch für das Pressewesen bin. Solange es einen Markt und damit einen Preis für akkurate, exklusive und richtig eingeordnete Informationen gibt, wird sich das Medium Zeitung neu erfinden.

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