City Talk
Der doppelte Paulson

Wer hätte gedacht, dass die Börsianer einmal über eine Verstaatlichung jubeln würden? Sozialisierung ist normalerweise nichts, was an den Märkten Freude auslöst, selbst wenn es um die Sozialisierung von Verlusten geht. Das Lob, das US-Finanzminister Hank Paulson für die Rettung der beiden Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac einstrich, zeigt deshalb vor allem den Grad an Verzweiflung, der mittlerweile herrscht. Und der Effekt solcher Notoperationen hat in der Regel eine kurze Halbwertszeit.

Im Fall von Paulsons kühner Tat hielt die Erleichterung gerade einmal 24 Stunden, so lange bis der Kurs des Wall-Street-Hauses Lehman Brothers um 45 Prozent einbracht. Die Bank braucht dringend eine Kapitalspritze, doch weit und breit scheint sich kein Investor zu finden, der im Moment bereit ist, das Risiko einzugehen.

In solchen verzweifelten Situationen wird es Zeit, sich an das humanistische Erbe der Heimat zu erinnern. „Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch“, tröstet der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin alle Pessimisten. In unserem ganz speziellen Fall könnte der Hoffnungsschimmer von einem Namensvetter von Finanzminister Paulson kommen, von John Paulson, seines Zeichens Hedge-Fonds-Manager, der immerhin 35 Mrd. Dollar verwaltet. Anfang dieser Woche ließ Paulson wissen, dass er bereit sei in angeschlagene Finanzunternehmen zu investieren. Der Hedge-Fonds-Manager scheint also zu glauben, dass das Tief der Krise erreicht ist, und es schon bald wieder aufwärts gehen könne.

Warum das ein Hoffnungszeichen sein soll? Paulson hatte schon einmal den richtigen Riecher. Der 52-Jährige war einer der ersten, die erkannten, dass das boomende Geschäft mit Ramschkrediten am überhitzten US-Immobilienmarkt irgendwann kollabieren musste. Er begann, auf genau diese Katastrophe zu spekulieren. Seine Wette auf den Zusammenbruch des Hypothekenmarktes bescherte Paulson im vergangenen Jahr das sagenhafte Einkommen von 3,7 Mrd. Dollar. Damals musste sich der Hedge-Fonds-Manager bittere Vorwürfe gefallen lassen, er verdiene Geld am Elend der armen Subrime-Opfer, die ihre Häuser verlieren. Wenn Paulsons Wette auf den Aufschwung aufginge, müsste er sich sicher keine Kritik anhören.

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