City Talk
Deutsche Tugenden

Gibt es so etwas wie einen Nationalcharakter? Existieren abgesehen von Fußballländerspielen tatsächlich kulturelle Gräben, die so tief sind, dass sie Briten und Deutsche für immer trennen?

Nein, hier geht es nicht um Fünf-Uhr-Tee, Hooligans oder diszipliniertes Schlangestehen. Es geht ums Geldausgeben. Die Briten verteidigen unangefochten den Europameistertitel im Einkaufen. Dagegen sind die Deutschen in Sachen Konsum am sparsamsten.

Diese Statistik hat natürlich direkte Rückwirkungen auf das wirtschaftliche Wohlergehen beider Länder. Während die miesepetrige Weigerung der deutschen Konsumenten, ihrem Namen gerecht zu werden, maßgeblich zur sklerotischen Entwicklung der vergangenen Jahre beitrug, befeuerte die von einer Art Daueroptimismus getriebene Kauflust der Bürger das britische Wirtschaftswachstum.

Aber das ist nur eine Seite der Medaille. In der oben zitierten Umfrage gaben mehr als die Hälfte der Deutschen an, nicht mehr ruhig schlafen zu können, wenn sie Schulden haben. Hätten die Engländer das Problem, dann wäre die Insel jede Nacht hell erleuchtet. Denn die Briten schieben Schulden von über einer Billion Pfund vor sich her. Bereits 2005 überstiegen die privaten Verbindlichkeiten das Bruttoinlandsprodukt. Im dritten Quartal erklärte sich alle fünf Minuten ein britischer Bürger zahlungsunfähig. Inzwischen lasten die faulen Kredite tonnenschwer auf den Bilanzen der Banken. Die schieben den schwarzen Peter dem Staat zu. Der habe es durch neue Gesetze den Verbrauchern viel zu leicht gemacht, sich in die Insolvenz zu flüchten und damit die aufgetürmten Schulden relativ leicht los zu werden.

Das Langzeitgedächtnis der Bank-Manager scheint allerdings nicht besonders ausgeprägt zu sein. Es ist noch gar nicht so lange her, dass sie die euphorische Stimmung ihrer Kunden nutzten, um ihnen immer neue Kreditkarten mit immer neuem Verschuldungsspielraum aufzunötigen, für die am Ende bis zu 30 Prozent Zinsen fällig wurden.

Noch betrifft die britische Schuldenkrise vor allem die Plastikkarten. Richtig gefährlich wird es erst, falls die Immobilienpreise auf der Insel, ähnlich wie derzeit in den USA, absacken. Denn rund zwei Drittel der Schulden haben die Briten durch Hypotheken angehäuft. Wenn dieser Berg ins Rutschen gerät, wären die Folgen fatal. Am Ende könnte sich der notorische deutsche Sparzwang doch noch als Tugend erweisen.

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