CITY TALK
Für ein paar Pence mehr

Der Osten Londons ist der arme und oft eher unansehnliche Teil der britischen Hauptstadt. Zwischen Bethnal Green und Stratford liegen die Ghettos und Arbeitersiedlungen mit all ihren Problemen. Seit kurzem ist ein neues hinzugekommen: die Inflation.

Die trifft besonders die ärmere Bevölkerung hart. Denn es sind vor allem die Nahrungsmittelpreise und die Kosten für Elektrizität und Gas, die die britische Teuerung mit über vier Prozent auf einen neuen Rekord getrieben haben, und der weniger wohlhabende Teil der Menschheit gibt einen größeren Teil seines ohnehin schon knappen Einkommens für Essen, Strom und Heizung aus als die Reichen.

Aber nicht nur die Verbraucher, auch die Unternehmen im armen Londoner Osten ächzen unter der Inflation. Die Teuerung gefährdet ganze Geschäftsmodelle. Auf einer der Einkaufsstraßen im Stadtteil Westham hängt seit neuestem über einem Laden das Schild "One Pound and More Shop", bis vor kurzem war das ein ganz normaler "Ein-Pfund-Laden", in dem man, wie das alte Motto versprach, alle Waren für maximal ein Pfund Sterling erwerben konnte.

Doch dank der Inflation müssen die Kunden jetzt ein paar Pence drauflegen. Die galoppierende Teuerung zwingt nicht nur die Besitzer der Pound-Stores, sondern auch die Bank of England zu einem heiklen Balanceakt. Weil die Inflationsrate in den kommenden Monaten auf über fünf Prozent anziehen könnte, kommen trotz der grassierenden Rezessionsangst Zinssenkungen zur Belebung der Wirtschaft derzeit kaum in Frage.

Notenbank-Chef Mervyn King bleibt am Ende nur die Wahl zwischen zwei Übeln. Dabei ist seine Aufgabe ein Kinderspiel verglichen mit der seines Kollegen Jean-Claude Trichet von der Europäischen Zentralbank. King hat nur die widerstrebenden Kräfte in einem Land im Zaum zu halten. Trichet muss das gleiche Kunststück für die 15 Euro-Staaten vollbringen, und das in einer Zeit, in der die wirtschaftlichen Ungleichgewichte in der Währungsunion so groß sind wie seit ihrer Gründung vor zehn Jahren nicht.

Während Deutschland hart an seiner Wettbewerbsfähigkeit gearbeitet hat, stehen Länder wie Spanien oder Irland vor enormen Problemen. Der Euro-Zone droht in den kommenden Monaten eine Zerreißprobe, verglichen mit der selbst die Preispolitik der Pound-Stores in Zeiten der Inflation ein Kinderspiel ist.

maisch@handelsblatt.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%