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Gefährliche Zuckerwatte

Zu den faszinierendsten Phänomenen in der bunten Wunderwelt der Finanzen zählt sicherlich der exponentiell wachsende Markt für Kreditderivate. Für den unerschrockenen Laien tut sich hier ein kaum erforschter Kontinent voller faszinierender Entdeckungen und dunkler Gefahren auf – mit Produkten, die auf exotische Namen hören.

Die Instrumente, die sich dahinter verbergen, sind meist genauso komplex wie ihre Namen. Doch die Prinzipien, die den Markt treiben, sind vergleichsweise simpel: Die Banken nehmen Kreditrisiken ganz unterschiedlicher Schuldner aus ihrer Bilanz, bündeln sie, teilen sie in Risikoklassen auf und verkaufen die Tranchen an Investoren. Oft werden die Pakete von Finanzingenieuren dann noch einmal umgepackt, und noch einmal. Ähnlich wie bei Zuckerwatte entsteht so aus einem Körnchen ein amorpher Bausch aus kaum noch zu entflechtenden Fäden.

Den Banken helfen die komplexen Konstrukte, Risiken auf viele Schultern zu verteilen. Deshalb glauben die Fans der Kreditderivate, dass die neuen Instrumente das Weltfinanzsystem stabiler machen. Doch bewiesen hat das noch keiner. Denn die Derivate begannen ihren Siegeszug in einer Zeit ausgesprochen freundlicher Bedingungen an den Kreditmärkten.

Tatsächlich kommt der Verdacht auf, dass die vermeintlichen Wunderwaffen das System sogar destabilisieren. In London beobachten die Banker sehr genau wie sich die Krise auf dem Sub-Prime-Markt für Immobilienkredite in den USA entwickelt. Viele Banken, die sich auf weniger zahlungskräftige Kunden spezialisiert haben, nutzten den langen Boom am US-Immobilienmarkt um freizügig Kredite unter das Volk zu bringen. Jetzt ist der Boom Vergangenheit, und die Sub-Prime-Darlehen platzen reihenweise, mit möglicherweise hässlichen Folgen für die US-Konjunktur.

Hätten die Banken vorsichtiger sein müssen? Im Prinzip ja, praktisch nein. Denn die Darlehen ließen sich ja problemlos am Markt verklappen. Renditehungrige Investoren wie Hedge-Fonds rissen den Anbietern auch die riskantesten Tranchen aus den Händen. Heute behält die durchschnittliche Bank einen durchschnittlichen Kredit nur noch wenige Wochen in ihren Büchern, bevor er ausgelagert und im Paket verkauft wird. Da lohnt es sich kaum noch die Schuldner genau unter die Lupe zu nehmen, oder?

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