City Talk
Hedge-Fonds und Nikotin

Statistiken sind völlig zu Unrecht als trocken Brot für noch trockenere Krämerseelen verschrien. Mitunter lassen sich aus den Zahlenfriedhöfen recht originelle, ja sogar existentielle Erkenntnisse gewinnen.

So steigt zum Beispiel die Lebenserwartung des durchschnittlichen Mannes in mittleren Jahren in einem Industrieland mit jedem weiteren Tag, den er auf dieser Erde weilt, um fünf Stunden. Jede Zigarette, die er raucht, verkürzt sein Leben dagegen um zehn Minuten.

Wer also meint, dass dieses Leben letztlich ein Jammertal ist, in dem man keine zusätzliche Zeit verschwenden sollte, könnte jeden Tag ohne Skrupel anderthalb Packungen wegqualmen, ohne seine ursprüngliche Lebenserwartung auch nur um eine Sekunde zu verkürzen - zumindest statistisch gesehen. Solche abstrakten Zahlenspiele haben durchaus etwas mit der Realität an den Kapitalmärkten zu tun. Schließlich müssen Versicherungen und Pensionsfonds in irgendeiner Weise mit dem zurecht kommen, was man Langlebigkeitsrisiko nennt. Ein Begriff, der es nicht ganz zu Unrecht auf den vierten Platz der Liste der Unwörter des Jahres geschafft hat. Aber trotz der unglücklich gewählten Bezeichnung werden die Menschen immer älter und verbrauchen mehr Geld, als in den Pensionskassen ursprünglich für sie eingeplant war. Für die rüstigen Senioren ist das ein großes Glück - für die Pensionskassen weniger.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch", wusste schon der Dichter Hölderlin. Hilfe naht. Einige Investmentbanken, darunter JP Morgan und die Deutsche Bank wittern bereits ein Milliardengeschäft und basteln an so genannten Langlebigkeitsderivaten. Mit denen können Versicherer und Pensionskassen das Risiko der steigenden Lebenserwartung an den Kapitalmarkt auslagern. Sollten die Rentner ein vorher festgelegtes gesegnetes Alter überschreiten, bekommen die angespannten Pensionskassen Unterstützungszahlungen von den Investoren, die die Derivate gezeichnet haben. Auf der anderen Seite der Wette auf Leben und Tod stehen dann wahrscheinlich Hedge-Fonds, die auf attraktive Renditen hoffen, und darauf setzen, dass uns Nikotin und Alkohol doch schneller dahinraffen, als die Statistiker das ausgerechnet haben.

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