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Hormonelle Schwankung

Mehr Testosteron gleich mehr Gewinn - diese Rechnung machen zwei Forscher aus Cambridge auf. Ihre Vermutung: Eine höhere Konzentration des Hormons soll für höheres Selbstvertrauen und mehr Risikobereitschaft sorgen. Bei dieser Kombination läuft es allerdings vielen eiskalt den Rücken herunter.
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LONDON. In jüngster Zeit sorgte der Hormonhaushalt der Finanzbranche für weltweite Schlagzeilen. Auslöser des Sturms im Blätterwald der internationalen Medien war die Studie zweier Forscher der Universität Cambridge, die herausfanden, dass Börsenhändler mit mehr Testosteron im Blut zumindest kurzfristig höhere Gewinne erzielen als Schlaffis, bei denen geringere Mengen des männlichen Sexualhormons durch die Adern rauschen.

Zu diesem bahnbrechenden Ergebnis kamen die Wissenschaftler, nachdem sie den Speichel von 17 Londoner Börsenhändlern an acht Tagen untersucht hatten - von einer repräsentativen Langzeitstudie kann man also nicht unbedingt sprechen. Die Forscher halten trotzdem an ihren Befund fest und vermuten, dass die Händler im Testosteronrausch ein höheres Selbstvertrauen und damit eine höhere Risikobereitschaft an den Tag legen.

Bei der Kombination Selbstvertrauen und Risikobereitschaft läuft es in diesen unseligen Zeiten der schier endlosen Subprime-Krise allerdings vielen eiskalt den Rücken herunter. Am Ende nährt die Testosteronstudie eher den ohnehin auf der Hand liegenden Verdacht, dass für die Finanzkrise vor allem auf kurzfristige Gewinnmaximierung fixierte Alphamännchen verantwortlich sind.

Vielleicht hätten die Forscher auch noch die Vorstände und Aufsichtsräte der europäischen Großbanken mit in ihr Sample aufnehmen sollen. An Testosteron mangelt es in diesen Sphären nämlich ebenfalls nicht. Die Corporate-Governance-Beratung Nestor Advisors hat die Board-Strukturen von 25 europäischen Geldhäusern analysiert und herausgefunden, dass auf einen weiblichen Manager zehn männliche kommen

An Selbstvertrauen und Risikobereitschaft hat es den Banken in den vergangenen Jahren ja denn auch nicht gemangelt, eher schon an Weitblick und Vorsicht - kein Wunder, wenn Testosteron-Junkies Testosteron-Junkies kontrollieren.

Vielleicht sind ja die Bankenaufseher in der Bekämpfung der Finanzkrise bislang völlig falsche Wege gegangen. Vielleicht braucht es gar keine schärferen Vorschriften und Regeln, um Exzesse an den Finanzmärkten zu verhindern. Vielleicht reichen ja schon regelmäßige Urinproben völlig aus.

maisch@handelsblatt.com

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